Motiv sehen. Kamera hochnehmen. Auslösen. Zackzack. Geht natürlich auch. Geht anders aber besser.

Die Welt ist im Geschwindigkeitsrausch. Manchmal hört man sogar, die Welt würde sich immer schneller drehen. In echt stimmt das nicht. In den letzten 310 Millionen Jahren wurde der Tag um rund vier Stunden länger, weil die Erde sich langsamer dreht. In der Zeit lässt sich etwas anfangen. Gefühlt stimmt es schon. Kaum ist irgendwo irgendetwas passiert, gehen Bilder um die Welt. Manche sind unnötig wie ein Kropf, andere von größter Bedeutung. Kaum fährt einem Politiker eine Idee durch den Kopf, schon wird im übernächsten Tweet erklärt, dass es gar nicht so gemeint war.  Aber das führt jetzt in eine Richtung, die ich nicht im Sinn hatte, als ich anfing zu tippen.

Neustart. Die Welt ist im Geschwindigkeitsrausch. Da werden Autos für jedermann gebaut, die 250 km in einer Stunde zurücklegen können. Theoretisch. Praktisch legen sie bei voll durchgedrücktem Gaspedal rund 12 km in rund 3  Minuten zurück. Dann kommt die nächste Baustelle. Oder der Fahrer des Kleinwagens, in den alles hineingepresst wurde, was beim Umzug nicht mehr in den LKW gepasst hat, entschließt sich nach 17 km Anlauf nun doch das Wohnwagengespann zu überholen. Aber auch abseits der BAB wird aufs Tempo gedrückt. Fahrradfahrer strampeln mit der freundlichen Unterstützung eines kleinen E-Motors Steigungen so schnell hinauf, wie nie zuvor.

Der zweite Anlauf war schon etwas besser, bringt mich aber auch nicht  dahin, wo ich hin wollte. Also keine Einleitung. Mein ehemaliger Deutschlehrer, der großen Wert auf Einleitungen legte, liest das ohnehin nicht …

Und wo wollte ich hin? Dass „entschleunigen“ zwar ein Wort ist, das ein bisschen komisch klingt, dass man es sich aber zu Herzen nehmen sollte – besonders, wenn man als Hobbyfotograf gelungene Bilder machen möchte.

Haben Sie sich schon einmal angeschaut, wie sehr viele Hobbyfotografen ein Bild machen? Man schlendert durch die Gasse einer Altstadt oder ein Stückchen Natur, schaut hier- und dahin und hat dabei schon das Rechteck des späteren Bildes in den Blick eingeblendet. Dann stoppt man. War da nicht gerade ein Motiv? Man geht einen Schritt zurück, hebt die Kamera ans Auge, dreht den Zoomring ein bisschen in die eine und ein bisschen in die andere Richtung, drückt auf den Auslöser und geht weiter. Was soll das falsch daran sein? Man ist ja schon langsam unterwegs. Wäre man flotten Schrittes gegangen, hätte man das Motiv gar nicht erst gesehen …

Manchmal ist tatsächlich nichts falsch daran und man bekommt ein ordentliches Bild auf das Speicherkärtchen.

Meistens ist es aber so, dass man nicht sofort die „Schokoladenseite“ eines Motivs zu sehen bekommt. (Was ist eigentlich das Gegenteil von „Schokoladenseite“? Keksseite?) Sie erschließt sich erst, wenn man den Blickwinkel ändert. Nein – damit ist nicht das bisschen Zoomen gemeint, denn das ändert nur den Bild-, aber nicht den Blickwinkel. Gemeint ist: Einen Schritt oder ein paar Schritte oder vielleicht sogar noch ein paar Schritte zur Seite. In die Hocke gehen. Auf den Bauch legen oder, etwas bequemer, den beweglichen Monitor nutzen und die Kamera ganz tief halten. Die Kamera über den Kopf heben.

Damit ist schon mal ein Anfang gemacht. Aber ein bisschen mehr Zeit darf schon noch sein. Denn das Gespann Auge/Gehirn ist ständig dabei, uns zu beschummeln. Es tut das zu unserem eigenen Besten. Würde wir alle Informationen mit gleicher Gewichtung wahrnehmen, wären wir komplett überfordert. (Manche sind ja schon überfordert, wenn sie gleichzeitig lenken und den Blinker setzen sollen, aber das ist eine andere Geschichte. Und natürlich ist die korrekte Bezeichnung nicht Blinker, sondern Fahrtrichtungsanzeiger.) Beim Fotografieren heißt das, dass wir zunächst einmal das sehen, was uns wichtig genug erscheint, um ein Bild zu machen. Wir sehen das Hauptmotiv und nehmen seine Umgebung nur unzureichend wahr. Und dann kommt es im Bild zu Begegnungen der unerwünschten Art. Der Klassiker: Im Bild wächst einer Person ein Baum aus dem Kopf. Oder zwei Motivteile überschneiden sich. Solche Ärgernisse erkennt man nur, wenn man sich bei der Aufnahme ein bisschen mehr Zeit lässt und das Sucher-/Monitorbild in Ruhe betrachtet.

In diese Kategorie gehört auch, dass man das Motiv in der Regel durch die ganz geöffnete Blende und damit in der schmalest möglichen Schärfenzone sieht. Um sicher zu stellen, dass der Hintergrund sich nicht störend in Bild drängt, hilft ein Druck auf die Abblendtaste oder ein prüfender Blick auf das aufgenommene Bild. Auch das kostet einen Moment Zeit, der sich aber oft genug bezahlt macht.

Das gilt auch für einen Blick auf die Aufnahmeparameter, die im Sucher oder auf dem Monitor angezeigt werden. Die falsche Verschlusszeit kann zu ungewollten und unschönen Bewegungseffekten im Bild führen, die falsche Empfindlichkeit zu Rauschen, das sich vielleicht per Software minimieren lässt, dabei aber vielleicht eine ungewollte Weichzeichnung mit sich bringt.

Natürlich kann man etliche Fehler bei der Aufnahmen im Zuge der Bildbearbeitung wieder ausbügeln, wie Ralf Wilken in jeder d-pixx in der Serie „Pimp my Photo“ zeigt. Besonders, wenn man das RAW-Format nutzt, ist hier einiges möglich.

Aber der richtige Blickwinkel, die richtige Schärfenzone, der richtigen Umgang mit Bewegung im Motiv – das sind alles Dinge, um die man sich bei der Aufnahme kümmern muss. Nicht im Geschwindigkeitsrausch, sondern in Ruhe.

Herzlich,

Herbert Kaspar

 

Text und Bild (c) Herbert Kaspar

 

 

 

 

Über den Autor

Herbert ist der Chefredakteur von d-pixx und d-pixx.de.