Wer beim Focus-Stacking Wert darauf legt, die Schärfenebene präzise zu verschieben, sollte den Einstellschlitten Novoflex Castel-M näher anschauen!

Manchmal möchte man das Hauptmotiv vor einem schön verschwommenen Hintergrund freistellen (Stichwort „Bokeh“) und arbeitet entsprechend mit selektiver Schärfe.

Manchmal möchte man genau das Gegenteil – das Hauptmotiv soll von vorn bis hinten scharf im Bild erscheinen. Es gibt mehrere Möglichkeiten, das zu erreichen.

Die verbreitetste ist, die Blende zu schließen und damit die Schärfenzone zu erweitern. Sie liegt bei Aufnahmen mit großen Einstellentfernungen rund zu 1/3 vor und zu 2/3 hinter der Schärfenebene. Bei Aufnahmen im Makrobereich verändert sich dieses Verhältnis zu Halbe/Halbe. Ein Nachteil ist, dass bei kleinen Blenden die Abbildungsqualität wegen zunehmender Beugung abnimmt. Außerdem ist die Schärfenzone im Nahbereich in der Regel auch dann zu schmal, wenn man diesen Qualitätsverlust in Kauf nimmt.

Weniger gebräuchlich, aber effektiv ist, die Schärfenebene an die Objektebene anzugleichen („Scheimpflug-Regel“). Das geht mit MFT/APS-C/Vollformatkameras mit Tilt-Shift-Objektiven. Neue Varianten dieser Spezialisten sind selten und teuer. Interessant ist der Einsatz älterer MF-Objektive, die man per Adapter sehr gut an spiegellosen Systemkameras einsetzen kann. Für so gut wie jede Kombination aus Objektiv- und Kamerabajonett findet man im Angebot von Novoflex einen passenden Adapter.

Die dritte Möglichkeit, ein Bild mit einer sehr großen Schärfenzone zu erzeugen ist Focus-Stacking. Man nimmt eine Reihe von Bildern auf und lässt dabei die Schärfenebene (und eine schmale Schärfenzone) über das Objekt wandern. Die Einzelaufnahmen werden dann zu einem Bild mit durchgehender Schärfe zusammengerechnet.

Dabei kann man eine Blende wählen, bei der Beugung nicht wirksam wird.

Viele aktuelle Kameras bieten eine entsprechende Automatik für die Einzelbilder, einige rechnen diese per Firmware gleich zum endgültigen Bild zusammen. Das ist bequem, aber es fehlt die Möglichkeit, die Schärfenebene exakt zu positionieren.

Letzteres ist möglich, wenn man die Kamera während der Aufnahme in kleinen Schritten bewegt. Dafür braucht man einen Einstellschlitten, der auf einem stabilen Stativ sitzt. In meiner Praxis hat sich die Kombination Novoflex Triopod plus Classic Ball oder MagicBall bewährt. Wenn man dann noch den Feinjustagegriff CAST-FINE verwendet, um den Gleiter auf dem Einstellschlitten zu bewegen, ist schon sehr genaues Arbeiten möglich.

Es geht aber noch genauer, was im Bereich großer Abbildungsmaßstäbe von 1:1 und darüber hinaus wichtig ist.

Dafür bietet Novoflex den Castel-M.

Wie bei anderen Einstellschlitten ist das Grundelement die Gleitschiene.

Sie ist über die ganze Länge Arca-Swiss-kompatibel, bietet aber auch je ein 1/4“- und ein 3/8“-Gewinde, um sie auf einem Stativkopf zu befestigen.

Auf der Oberseite bewegt sich das Gleitstück über eine Schwalbenschwanzführung entlang der Schiene. Es ist mit einer Q=Mount Typ Arca Schnellkupplung ausgestattet. Auch das kennt man von anderen Einstellschlitten.

Die Besonderheit des Castel-M ist, wie das Gleitstück über die Schiene bewegt wird. Das geschieht mit Hilfe eines großen Fokusrades am hinteren Ende der Schiene, dessen Bewegung über eine Spindel mit sehr geringer Steigung auf das Gleitstück übertragen wird. Damit ist es möglich, das Gleitstück extrem feinfühlig zu bewegen.

Für die erste Grobeinstellung, sprich: für die Wahl des Bildausschnitts, lässt sich das Gleitstück von der Spindel entkoppeln und man kann es einfach vor- und zurückschieben, bis das Objekt optimal im Bildformat sitzt. Das geht noch präziser, wenn man den Castel-M auf einen „normalen“ Einstellschlitten wie etwa den CASTEL-XQ II setzt und ihn dann stufenlos vor- und zurück bewegen kann.

An einem kleinen Hebel kann man wählen, ob das Fokusrad kontinuierlich oder in definierten Rastschritten bewegt werden soll.

Bewegt man es kontinuierlich, wird das Gleitstück bei jeder Umdrehung um 0,8 mm verschoben. Für geringere Verstellwege kann man sich an den Teilstrichen orientieren. Jeder Teilstrich entspricht 0,01 mm.

Die Arbeit mit der kontinuierlichen Verstellung ist für alle Nah- und Makroaufnahmen bis zum Abbildungsmaßstab 1:1 hervorragend geeignet.

Jenseits von 1:1 kann man die erwähnten Rastschritte für exaktes Arbeiten nutzen. Das Rad rastet dann nach der Drehung um einen bestimmten Winkel ein. Die Rastschritte sind für die Abbildungsmaßstäbe 2:1, 3:1, 4:1 und 5:1 bei Aufnahmen mit Vollformat und Blende 4 berechnet. Man kann sie aber auch mit anderen Aufnahmeformaten und Blenden sinnvoll nutzen, indem man das Rad um zwei oder drei Klicks dreht. Dadurch werden gleiche Abstände zwischen den Einzelaufnahmen sichergestellt.

Ein Blick in den Sucher oder auf den Monitor zeigt vorab, welche Motivteile nacheinander in die Schärfe kommen! Besonders gut geht das, wenn Focus-Peaking unterstützt wird.

Maßstäbe jenseits von 1:1 sind nur mit wenigen Objektiven möglich und auch da ist meist bei 2:1 Schluss – Ausnahmen wie das Canon MP-E 65mm 1:2,8 1-5x Makro, das nur noch gebraucht zu haben ist und nur per Adapter an die EOS R-Modelle passt, bestätigen die Regel.

Will man ohne so ein Spezialobjektiv über 1:1 hinausgehen, bietet es sich an, eines der Novoflex Balgengeräte mit einem passenden Objektiv auf das Castel M zu setzen.

Sehr bequem ist die Arbeit mit einem der Automatikbalgengeräte, die eine Kommunikation zwischen Objektiv und Kamera möglich machen (mehr dazu hier).

Egal ob kontinuierlich oder in Rastschritten gearbeitet wird: Die Entfernung wird manuell eingestellt. Außerdem sollte sich die Belichtung während der Serie nicht ändern. Auf der sicheren Seite ist man, wenn man auch Empfindlichkeit, Blende und Verschlusszeit manuell festlegt und für eine gleichbleibende Beleuchtung sorgt.

Gerade bei Aufnahmen rund um den Abbildungsmaßstab 1:1 macht sich jeder Wackler bei der Aufnahme und jedes minimale Verschieben des Aufbaus zwischen den Aufnahmen negativ bemerkbar. Es gilt also, beim Drehen des Fokusrades sehr vorsichtig zu sein. Fürs Auslösen kann man den Trick mit dem Selbstauslöser anwenden. Noch besser ist aber berührungsfreies Auslösen via App. Bei der Arbeit mit DSLR-Kameras sollte, wenn vorhanden, der Spiegelvorauslöser verwendet werden.

Die Aufnahmen zusammengerechnet habe ich mit Adobe Photoshop. Dafür werden die Bilder geöffnet und über Datei > Skripten > In Stapel laden > Geöffnete Dateien hinzufügen als Ebenen in einer neuen Datei zusammengebracht. Da sich beim Verschieben der Schärfenebene die Größe der Abbildung ändert, ist es wichtig dabei den Haken bei Quellbilder nach Möglichkeit automatisch ausrichten zu setzen. Anschließend werden alle Ebenen angeklickt und über Bearbeiten > Ebenen automatisch überblenden > Bilder stapeln zum gewünschten Bild zusammengesetzt. Wie schnell das geht, hängt vom Rechner ab. Ältere Geräte können schon mal den Dienst verweigern, wenn man viele Einzelbilder mit einer hochauflösenden Kamera gemacht hat.

Das Verrechnen geht natürlich auch mit anderen Programmen. Gelobt wird Helicon Focus, das ich in der aktuellen Version nicht kenne. Gute Erfahrungen habe ich mit der Freeware Picolay gemacht.

Alles in allem In der Praxis ist der Castel-M schon für sich ein hervorragendes Werkzeug, wenn man Nah- und Makroaufnahmen machen möchte, in denen das Objekt von vorne bis hinten scharf ins Bild kommt und wenn man dabei dabei große Abbildungsmaßstäbe anstrebt.  Für den Bereich ab 1:1 ist die Kombination mit einem der Automatik-Balgengeräte optimal.

 

FAZIT Äußerst empfehlenswert.

 

Text © Herbert Kaspar

 

PRAXISBILDER

Ein Klick auf eines der Praxisbilder bringt es mit einer Länge von 1280 Pixeln über die lange Seite auf Ihren Bildschirm. Die Bildgröße wurde im aktuellen Adobe Photoshop reduziert.

Beachten Sie bitte, dass die Bildqualität, besonders die Farbwiedergabe, auch von den Einstellungen Ihres Monitors abhängt!

 

Ferrari Modelle

Länge eines Modells: ca. 75 mm.
Brennweite: 60 mm
Blende: 7,1
Abbildungsmaßstab: ca. 1:4,5 (Vollformat)

 

Gedenkmünze 10 DM “Heinrich der Löwe”

Durchmesser der Münze: ca. 33 mm
Brennweite: 45 mm
Blende: 6,3
Abbildungsmaßstab: ca. 1:2,5 (MFT)

 

Münze “One Cent” 

Durchmesser der Münze: ca. 19 mm
Brennweite: 45 mm
Blende: 6,3
Abbildungsmaßstab: ca. 1:1,3 (MFT)

 

Zahnräder einer kleinen Taschenuhr

Breite des Bildfeldes: ca. 7 mm
Brennweite: 45 mm
Blende: 7,1
Abbildungsmaßstab: ca. 2,5:1 (MFT)
Mit Automatik-Balgengerät

 

Text © Herbert Kaspar

Produktbilder © Novoflex

Praxisbilder © Herbert Kaspar

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