Die schmalen Schärfenzonen großer Sensoren im Zusammenspiel mit der Beugung bei kleinen Blenden machen es schwer, Bilder mit einer sehr großen Schärfenzone aufzunehmen. Aber es gibt Abhilfe.

Ein immer wieder faszinierendes und deshalb auch immer wieder gern genommenes Gestaltungselement ist die selektive Schärfe.

Das Spiel mit der selektiven Schärfe macht immer wieder Spaß …

Um nur einen kleinen Teil des Motivs in die Schärfe zu holen und in einem unscharfen Umfeld zu präsentieren, sind mittlere und längere Brennweiten und große Blenden (je nach Brennweite und Abstand Blende 4 und größer) alles, was man braucht – aber das ist eine andere Geschichte.

In Bereichen Makro, Tabletop, Produktaufnahmen, Architektur (innen und außen) oder Landschaft ist die schmale Schärfenzone durchaus ein Mittel zur Bildgestaltung.

… aber manchmal sollte jedes Detail zu erkennen sein.

Aber häufiger wird man hier versuchen, das ganze Objekt von vorn bis hinten scharf abzubilden.

Das klingt zunächst nach einer einfach lösbaren Aufgabe. Kleine Blende, gegebenenfalls ein Stativ, um eine dadurch erzwungene längere Verschlusszeit in den Griff zu bekommen, auslösen, fertig.

So einfach ist die Sache nun doch wieder nicht.

Zum einen erzielt man mit größeren Sensoren schmalere Schärfenzonen als mit kleineren Sensoren (weshalb viele Bilder im Internet ihre knackige Schärfe den sehr kleinen bis winzigen Chips und sehr großen Schärfenzonen verdanken – und natürlich mächtigen Algorithmen bei der Bildentwicklung).

Zum anderen kommt bei kleinen Blenden (wie klein ist abhängig von der Sensorgröße und der akzeptablen Größe des Zerstreuungskreises) die Beugung ins Spiel, die für Unschärfe sorgt.

Diese beiden Probleme machen Bilder mit sehr großen Schärfenzonen sowohl aus kleinen wie auch großen Entfernungen kaum bis gar nicht möglich.

Einen Ausweg bietet die Arbeit mit der hyperfokalen Entfernung, der aber auch Grenzen gesetzt sind – dazu mehr ein anderes Mal.

Ein zweiter, besserer Ausweg, ist Focus-Stacking. Darauf werfen wir einen Blick.

Stacking hängt mit dem englischen Wort „Stack“ für „Stapel“ zusammen und beschreibt anschaulich, was passiert: Man nimmt eine Reihe von Bildern auf, die unterschiedliche, ineinander übergehende Schärfenzonen aufweisen, die Software stapelt diese Bilder übereinander und kombiniert die jeweils scharfen Bildteile zu einem Bild, das – je nach Wunsch – das Hauptmotiv als Ganzes scharf zeigt oder sogar von vorn bis hinten scharf ist.

Dieses Bild ist ein Stack aus 21 Aufnahmen mit der Canon EOS R3 für die Blüte, die scharf ins Bild kommen sollte. Oben sind fünf dieser Bilder mit ihren unterschiedlichen Schärfenebenen zu sehen.

Da die Bilder nacheinander aufgenommen werden, sollte sich während der Serie im Bild nichts bewegen oder die Bewegung nur so gering sein, dass sie beim Zusammenfügen der Bilder nicht stört.

Den Bilderstapel kann man auf zwei Weisen manuell erstellen oder automatisch erstellen lassen.

In allen Fällen kann man vor den Aufnahmen die Belichtung messen und manuell einstellen, um ganz sicher zu gehen, dass alle Einzelbilder exakt gleich belichtet werden. Entsprechend kann man einen manuellen Weißabgleich vornehmen oder eine der Vorgaben wählen.

Als Blendeneinstellung empfiehlt sich ein mittlerer Wert – je nach Objektiv zwischen 4 und 8. Ab welcher Blende sich die Beugung bemerkbar macht, stellt man vorab mit ein paar Testaufnahmen fest.

Manuell 1: Man setzt die Kamera aufs Stativ, wählt MF als Fokussiermethode und verstellt dann die Schärfe in mehreren Schritten, von der gewünschten Nah- zur gewünschten Ferngrenze (oder umgekehrt). Wenn die Kamera Focus-Peaking bietet, aktiviert man diese Funktion und kann auf dem Monitor sehen, welche Teile des Motivs erfasst werden.

Für diese Aufnahme wurden die Tulpen manuell “abgetastet”. Die Kamera – eine Canon EOS R – war dazu auf einem Einstellschlitten montiert und wurde in kleinen Schritten bewegt.

Manuell 2: Mann setzt die Kamera auf einen Einstellschlitten, legt die Entfernung fest und bewegt dann die Kamera in mehreren Schritten vor oder zurück und lässt damit die Schärfenzone über das Objekt wandern. Auch hier ist Focus-Peaking hilfreich.

Wie viele Schritte “mehrere Schritte” sind, hängt vom Motiv und der Blende ab. Generell: Lieber ein paar Schritte mehr, als Lücken zwischen Schärfenebenen.

Die Verwendung eines Fernauslösers oder des Selbstauslösers ist in beiden Fällen anzuraten, damit man die Kamera nur beim Verstellen der Entfernung berühren muss.

Automatisch: Ich habe die Aufnahmen mit einer Canon EOS R3 (Narzisse … oben) und einer Canon EOS RP (Modell Lamborghini … unten) gemacht – aber das Vorgehen ist bei anderen Kameras gleich oder sehr ähnlich. 

Man gibt zunächst vor, wie viele Aufnahmen gemacht werden sollen. Bis 999 Aufnahmen sind möglich – was ein bisschen viel ist, aber man weiß ja nie. Zwischen den Einzelbildern wird die Schärfenebene ein Stückchen verschoben. Wie groß die Schritte sind, wird auf einer Skala ohne Benennung festgelegt.

Sowohl bei der Zahl wie auch bei der Abstufung der Einzelbilder ist Pröbeln angesagt, um die passenden Werte zu finden. Das ist aber kein Beinbruch, da man diese Technik bei statischen Motiven einsetzt und die Kamera (fast immer) auf einem Stativ stehen wird und man ein bisschen Zeit hat.

Dann startet man die Serie und lässt die Kamera arbeiten.

Ob manuell oder automatisch: Am Ende steht eine Reihe von Aufnahmen zur Wahl, aus denen man natürlich auch eine oder mehrere aussuchen kann, die das Motiv mit der passenden selektiven Schärfe zeigen – aber das war ja nicht der Zweck der Übung.

Um das Hauptmotiv ganz scharf zu zeigen, können diese zu einem hochaufgelösten Bild mit durchgehender Schärfe zusammengefügt werden.

Für das Stacking stehen spezielle Programme wie etwa Focus Project Professional oder Helicon Focus bereit. Aber auch Bildbearbeitungsprogramme bieten entsprechende Werkzeuge – und natürlich auch Photoshop, der für diesen Beitrag zum Einsatz kam.

Für das Stacking ist es praktisch, die notwendigen Bilder als Kopien in einem besonderen Ordner zu speichern. Sie werden dann im Photoshop geöffnet.

Der weitere Ablauf:

1 Datei > Automatisieren > Photomerge …

2 Geöffnete Dateien hinzufügen

3 Haken vor Bilder zusammen überblenden entfernen

4 Die Arbeit mit OK starten.

Photoshop führt nun die Einzelbilder als Ebenen in ein Bild zusammen. Dabei werden sie automatisch ausgerichtet. Das klappt sehr gut. Zwar können zu große Unterschiede in der Lage des Objekts im Bildfeld nicht ausgeglichen werden, aber da man mit einem stabilen Stativ gearbeitet, ist das nicht so wichtig.

Die Ebenen werden im Ebenen-Fenster angezeigt. Um das Fokus-Stacking zu beenden, werden hier alle Ebenen auswählt und danach über Bearbeiten > Ebenen automatisch überblenden > Bilder stapeln der letzte Schritt gestartet.

Diese große Schärfenzone wurde mit der Fokus-Verlagerung in der Canon EOS RP und Verrechnen der Bilder in Photoshop erzielt.

Ergebnis ist ein Bild mit einer sehr großen Schärfenzone.

 

Text und alle Bilder © Herbert Kaspar

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