Mit der I-Series bietet Sigma eine Reihe von kompakten Festbrennweiten, die sich durch ihr tolles Design von allen anderen Objektiven von Sigma unterscheiden. Dazu gehört auch das noch recht neue Sigma 90 mm 1:2,8 DG DN | Contemporary.

Objektive mit einem Bildwinkel von 27° und einer Brennweite von 90 mm [@KB] werden nicht zu Unrecht als Porträtobjektive bezeichnet. Aber diese kurzen Teleobjektive sind sehr viel vielseitiger. In der Naturfotografie kann man mit ihnen Blüten aus einem Beet isolieren, in der Landschaftsfotografie bringen sie schon eine dezent raffende Wirkung und wenn man ausreichend Abstand zu einem großen Gebäude halten kann, hilft ein 90er, das Objektiv ganz ins Bild zu holen und dabei stürzende Linien zu vermeiden. Kommt noch eine ordentliche Lichtstärke dazu, ist das Spiel mit Schärfe und Unschärfe besonders bei Aufnahmen aus geringer Entfernung möglich.

Genau so ein Objektiv schauen wir uns hier an: das Sigma 90 mm 1:2,8 DG DN | Contemporary aus der I-Series.

Das Testobjektiv ist mit dem L-Mount (für Leica, Panasonic und Sigma) ausgestattet. Es gibt auch eine Version mit Sony E-Mount.

DG bedeutet, dass es sich um ein Vollformatobjektiv handelt, DN sagt, dass das Objektiv speziell für den Einsatz an spiegellosen Systemkameras gerechnet wurde. Das ist so weit klar. Wieso Sigma das Objektiv der Contemporary Familie zurechnet, ist nicht so ganz nachvollziehbar. Es ist hervorragend verarbeitet und dank der Ganzmetall-Ausführung sehr solide und belastbar und geht damit fast schon in die Richtung der Sports-Familie von Sigma. Die Sportsobjektive sind allerdings besser gegen Umwelteinflüsse geschützt – das 90 mm weist dagegen nur eine Dichtung am Bajonett auf. Damit wird verhindert, dass Staub oder Feuchtigkeit von hinten in das Objektiv oder in die Kamera zum Sensor gelangt.

Das Bajonett ist aus Messing gefertigt. Der Tubus, die beiden Einstellringe, das Innenleben des Objektivs und sogar die Streulichtblende bestehen aus Metall (Sigma spricht im Pressetext von Aluminiumkomponenten).

Das 90 mm ist ein sehr kompaktes Objektiv und kann gegebenenfalls auch einmal in der Jackentasche mitgenommen werden. Auch das Gewicht von rund 380 g (ink. Front- und Rückdeckel sowie Streulichtblende) ist durchaus jackentaschenfreundlich.

Die Länge von 60 mm (ohne Streulichtblende) …

bzw. 100 mm (mit Streulichtblende) …

… ändert sich beim Fokussieren nicht (Innenfokussierung).

Auch die Orientierung des 55-mm-Filtergewindes bleibt gleich, was Aufnahmen mit Polarisations- oder Verlaufsfiltern einfach macht. 55 mm Filterdurchmesser weisen auch das 24 mm 1:3,5 und das 45 mm 1:2,8 in der I-Series auf, die anderen I-Objektive weichen mit 58 mm bzw. 62 mm davon leider ab.

Im Filtergewinde rastet die mitgelieferte Streulichtblende aus Kunststoff ein. Eine zweite, ebenfalls mitgelieferte Streulichtblende wird magnetisch festgehalten.

Der größte Durchmesser liegt bei 64 mm und wird am breiten Fokussierring (vorn) und am schmalen Blendenring (hinten) erreicht. Die beiden Ringe ragen damit etwas über den eigentlichen Tubus hinaus, was der Retro-Eindruck des Objektivs unterstützt. Die Streulichtblende durchmisst 71 mm.

Die Streulichtblende ist wie die beiden Einstellringe griffig geriffelt, was das Objektiv zu einer technisch-eleganten Einheit macht.

Fokussieren und das Einstellen der Blende sind durch die Riffelungen jederzeit, auch mit Handschuhen, sicher möglich.

Der Fokussierring, der den AF-Motor anspricht, lässt sich anschlaglos in beide Richtungen drehen. Manuelles Fokussieren ist, wenn man es möchte, präzise möglich.

Allerdings war es weder an der Sigma fp L noch an der Panasonic Lumix S5 oft nötig, in den MF-Modus zu wechseln, da das Objektiv mit den AF-Systemen beider Kameras optimal zusammenarbeitet. Der Schrittmotor arbeitet schnell und praktisch geräuschlos. Focusbreathing ist sehr gut auskorrigiert, aber nicht ganz eliminiert.

Die kürzeste Einstellentfernung liegt bei 50 cm und es wird ein größter Abbildungsmaßstab von 1:5 erreicht.

Der Wechsel zwischen AF und MF wird am einzigen Schalter des Objektivs vorgenommen. Im Gegensatz zum AF/MF-Schalter des Sigma 24 mm F2 DG DN | Contemporary (meinen Test finden Sie hier) wird er dazu vor- und zurückgeschoben und damit sehr gut gegen versehentliches Verstellen geschützt, wenn man den knapp davor angeordneten Blendenring dreht.

Ich bin ein großer Freund von Blendenringen und ganz besonders von Blendenringen, die so exakt in Drittelstufen rasten. Dicker Daumen hoch für das 90 mm I-Series.

Die größte Blende ist 2,8, die kleinste 22. Dass es keine Möglichkeit gibt, den Ring stufenlos zu drehen, könnte Filmer:innen missfallen. Das Klicken beim Verstellen der Blende ist in Videos zu hören, deren Ton mit dem bordeigenen Mikrofon der Kamera aufgezeichnet wurde.

Wenn man mit Blendenautomatik arbeiten möchte, dreht man den Blendenring über einen leichten Widerstand hinweg von Blende 22 in die A-Position.

Was dem 90er, wie auch den anderen Objektiven der I-Series fehlt, ist ein Stabilisator. Beim Test spielte das keine Rolle, da sowohl die Sigma fp L und die Panasonic Lumix S5 (wie auch die anderen Lumix S-Modelle) sehr gute Stabilisatoren an den Sensoren (IBIS) aufweisen.

Verarbeitung, Haptik und AF sind schon einmal Pluspunkte für das 90 mm I-Series. Wie sieht es mit der Abbildungsleistung aus? Kurz gesagt: Hervorragend, und zwar sowohl mit dem hochauflösenden 60-MPix-Sensor der Sigma fp L wie auch mit dem 24-MPix-Sensor der Panasonic Lumix S5.

Dafür umfasst der optische Aufbau 11 Linsen (darunter 5 aus SLD-Glas und eine Asphäre) in 10 Gruppen.

Schon bei Blende 2,8 bringt Festbrennweite hervorragende Auflösungs- und Kontrastwerte über das ganze Bildfeld, die beim Abblenden auf 4 noch einmal zulegen. Feinste Details kommen sauber ins Bild.

Bis Blende 11 wird dieses Niveau gehalten. Bilder von räumlichen Objekten kommen bei 8 und 11 optimal, da die größere Schärfenzone zu einem besseren Schärfeneindruck beiträgt.

Blende 16 und 22 sind immer noch sehr gut und in der Praxis brauchbar, aber doch durch Beugung schwächer als die größeren Blenden.

Bei kritischen Motiven – gerade Linien am Bildrand, einfarbiger gleichmäßig heller Hintergrund – kann eine kissenförmige Verzeichnung und bei ganz offener Blende Vignettierung zu erkennen sein. In den allermeisten Praxisbildern kamen diese Fehler allerdings nicht zum Vorschein.

Helle Lichtquellen im Bild können zu leichten Überstrahlungen und Reflexen führen. Wenn man das Sucherbild gut im Auge hat, lässt meistens schon eine sehr kleine Änderung der Kamerahaltung die Störungen verschwinden.

Mit Blende 16 oder 22 lassen sich schöne Blendensterne erzielen.

Gerade bei einem 90-mm-Objektiv mit seiner Eignung für Porträts oder Aufnahmen von Blumen, Blüten, Blättern kommt dem Bokeh einige Bedeutung zu. Auch hier kann das 90 mm I-Series überzeugen. Lichtpunkte kommen bei Aufnahmen mit ganz offener Blende im größten Teil des Bildfeldes als runde Unschärfescheibchen ins Bild. Zum Bildrand hin zeigt sich dann der Katzenaugeneffekt.

Alles in allem zeigt das Sigma 90 mm DG DN | Contemporary sowohl an der 24-MPix-Kamera Panasonic Lumix eine hervorragende Leistung, die es nah an die Festbrennweiten der Art-Familie heranbringt (die allerdings höhere Lichtstärken aufweisen). Dazu kommen eine top Fertigungsqualität und ein sehr guter Preis von 619,- € (idealo.de, 14. Januar 2022).

 

BEWERTUNG FÜR DAS SIGMA 90 MM 1:2,8 DG DN | CONTEMPORARY
AN DER SIGMA FP L UND PANASONIC LUMIX S5

 

GUT – SEHR GUT – HERVORRAGEND – HERVORRAGEND PLUSHERVORRAGEND DOPPEL PLUS

 

Text und Bilder © Herbert Kaspar

 

PRAXISBILDER

Ein Klick auf eines der Praxisbilder bringt es in der Größe von 1800 Pixeln über die lange Seite auf Ihren Bildschirm. Die Bildgröße wurde im aktuellen Adobe Photoshop reduziert.

Zu einigen Bildern zeigen wir einen oder mehrere entsprechend gekennzeichnete 100-%-Crops aus dem darüber stehenden Motiv.

Die Originalbilder aus der Sigma fp L sind sind 9520 x 6328 Pixel groß.

Die Originalbilder aus der Panasonic Lumix S5 sind 6000 x 4000 Pixel groß.

Beachten Sie bitte, dass die Bildqualität, besonders die Farbwiedergabe, auch von den Einstellungen Ihres Monitors abhängt!

 

Objektiv Sigma 90 mm 1:2,8 DG DN | Contemporary
Kamera Sigma fp L

 

90 mm | ISO 100 | F2,8 | 1/160 Sek. | +0,3 EV
90 mm | ISO 100 | F5,6 | 0,25 Sek.
90 mm | ISO 125 | F22 | 1/160 Sek. Minus-Korrektur in Photoshop für Silhouetten.
Trotz Blende 22 sind feine Details an den Zweigen noch gut zu erkennen. Die Reflexe durch die Sonne im Bild sind mäßig ausgeprägt.
90 mm | ISO 125 | F3,5 | 1/500 Sek.
100-%-Crop
90 mm | ISO 125 | F5,6 | 1/320 Sek. | +0,7 EV
100-%-Crop
90 mm | ISO 100 | F2,8 | 1/500 Sek.
Bei solchen Motiven kann die Vignettierung sichtbar werden. Sie lässt sich aber per Bildbearbeitung leicht korrigieren.
90 mm | ISO 100 | F5 | 1/800 Sek.
Dieser Ausschnitt aus dem Bücherregal wurde mit verschiedenen Blenden aufgenommen. Die Kamera war auf dem Stativ befestigt. Es folgen 100-%-Crops aus der Mitte und aus der oberen linken Ecke.
90 mm | ISO 100 | F2,8 | 0,17 Sek. | +0,3 EV
100-%-Crop
90 mm | ISO 100 | F2,8 | 0,17 Sek. | +0,3 EV
100-%-Crop
90 mm | ISO 100 | F4 | 0,25 Sek. | +0,3 EV
100-%-Crop
90 mm | ISO 100 | F4 | 0,25 Sek. | +0,3 EV
100-%-Crop
90 mm | ISO 100 | F5,6 | 0,7 Sek. | +0,3 EV
100-%-Crop
90 mm | ISO 100 | F5,6 | 0,7 Sek. | +0,3 EV
100-%-Crop

 

Objektiv Sigma 90 mm 1:2,8 DG DN | Contemporary
Kamera Panasonic Lumix S5

 

90 mm | ISO 200 | F8 | 1/400 Sek. | +1 EV
100-%-Crop
90 mm | ISO 200 | F8 | 1/320 Sek. | +1 EV
90 mm | ISO 200 | F7,1 | 1/500 Sek. | +1 EV
Der Giebel des Kellereischlosses in Hammelburg (fränkische Heimat von d-pixx) wurde mit verschiedenen Blenden aufgenommen. Die Aufnahmen wurden aus der freien Hand gemacht. Es folgen 100-%-Crops aus der Mitte und aus der oberen linken Ecke.
90 mm | ISO 200 | F2,8 | 1/3200 Sek. | +0,33 EV
100-%-Crop
90 mm | ISO 200 | F4 | 1/1600 Sek. | +0,33 EV
100-%-Crop
90 mm | ISO 200 | F5,6 | 1/800 Sek. | +0,33 EV
100-%-Crop
90 mm | ISO 200 | F5 | 1/80 Sek. | -0,33 EV
90 mm | ISO 200 | F4 | 1/250 Sek.
100-%-Crop

 

Bilder © Herbert Kaspar

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