Das neue Petzval-Objektiv im Praxistest (mit Video)

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Die ersten Absätze dieses Beitrags klingen eher nach Fotogeschichte, als nach einer Objektivbesprechung – aber das hat in diesem besonderen Fall schon seine Richtigkeit.

In diesem Jahr wurde und wird immer noch der 175. Geburtstag der Fotografie gefeiert. Sie wurde schon früher erfunden, aber vor 175 Jahren der Öffentlichkeit präsentiert. Die neue Technik, Bilder der Umwelt aufzunehmen, wurde sehr positiv aufgenommen (nicht so positiv von den Malern, von denen einige aber bald die Vorzüge für ihre Zwecke entdeckten, und sie als Vorlagen für ihre Gemälde verwendeten …aber das ist eine andere Geschichte).

Allerdings hatten frühe Fotografen mit einigen Problemen zu kämpfen, zwei davon waren die geringe Lichtempfindlichkeit des Aufnahmematerials und die geringe Lichtstärke der Objektive, oft im Bereich von 1:11 oder gar 1:16. Beides zusammen führte zu langen Belichtungszeiten im Bereich mehrerer Minuten, besonders dann, wenn Porträts im Studio aufzunehmen waren.

Eines der Probleme, das der geringen Lichtstärke, löste der ungarische Mathematiker Josef Petzval schon ein Jahr nach der Vorstellung der Fotografie. Er konstruierte, unterstützt von Artillerie-Soldaten, die die Mathematik für Schussbahnberechnungen brauchten, ein Objektiv mit einer Brennweite von rund 100 mm und der damals revolutionären Lichtstärke von ca. 1:3,6. Damit wurden Belichtungszeiten im Sekundenbereich möglich – ideal für Porträtfotografen, die auch die Abbildungscharakteristik des vierlinsigen Petzvalobjektivs sehr schätzten. Es zeichnete in der Mitte (sehr) scharf, ließ zum Rand hin nach und zeigte eine sehr schöne Hintergrundunschärfe, die bei der passenden Kombination aus Blende und Abstand zwischen Objekt und Hintergrund einen „Strudeleffekt“ zeigte.

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Das neue Petzval ist vollformattauiglich und wird mit Canon- und Nikon-Bajonett angeboten. Es gibt auch eine schwarze Variante.
Foto: Lomographische Gesellschaft

So ein Objektiv wollte die Lomographische Gesellschaft wieder aufleben lassen und konnte es auch, da per Crowd Funding rund 1,2 Mio. Dollar für die Neuentwicklung zusammen kamen.

Das neue Petzval-Objektiv sieht Bildern der Ur-Objektive (es gab im Laufe der Zeit verschiedene Ausführungen) sehr ähnlich. Es gibt eine Variante aus glänzendem Messing und eine schwarze (aber wenn schon, dann Messing) die beide an (D)SLRs von Canon und Nikon angesetzt werden können und mit entsprechenden Adaptern auch an spiegellosen Systemkameras. Das neue Objektiv hat eine Lichtstärke von 1:2,2 und eine Brennweite von 85 mm – wieder ideal für Porträts, aber auch sehr gut für Aufnahmen von Blüten und Blumen zu verwenden.

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Auch das neue Objektiv bildet in der Bildmitte sehr scharf ab, wenn man Blenden ab 5,6 verwendet und zeigt einen deutlichen Randbfall, je größer die verwendete Blende wird. Und auch die besondere Charakteristik des Hintergrunds konnte bei der Neuauflage reproduziert werden – inklusive des „Strudeleffekts“. Von Gegenlicht ist das Objektiv nicht wirklich begeistert, aber die (je nach Stand der Lichtquelle) flaue Abbildung passt sehr gut.

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Bei Blende 4 bietet das Objektiv eine gute Mischung aus Schärfe in der (großen) Bildmitte und der typischen Hintergrundunschärfe.
Petzval-Objektiv an Canon EOS 5D Mark II ISO 100, 1:4, 1/160 Sek.
Foto: Herbert Kaspar
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Ausschnitt aus dem Bild oben.
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Bei Blende 8 wird die Abbildungsleistung deutlich besser – aber wegen der normaleren Wiedergabe des Hintergrundes auch langweiliger. Petzval-Objektiv an Canon EOS 5D Mark II
ISO 100, 1:8, 1/40 Sek.
Foto: Herbert Kaspar
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Ausschnitt aus dem Bild oben.

Wer jetzt Appetit auf das neue alte Objektive bekommen hat, muss allerdings bedenken, dass es sich in der Handhabung sehr deutlich von neuen Objektiven unterscheidet.

Da keine Daten zwischen Kamera und Objektiv übertragen werden, muss die Belichtung per Arbeitsblendenmessung oder sehr viel stilechter mit einem Handbelichtungsmesser bestimmt werden. Abgeblendet wird mit Einschubplättchen (so genannten Waterhouse-Blenden), die man leicht verliert, wenn man die Kamera beispielsweise zügig in die Position für Hochformataufnahmen dreht.

Es gibt nicht nur keinen Blenden-, sondern auch keinen Fokussierring.  Die Schärfe wird an einem seitlichen Rändelrad eingestellt, wobei der Bereich von 1 m bis Unendlich mit einer Dritteldrehung durchfahren wird. Das heiß: Exaktes Scharfstellen ist im (D)SLR-Sucher ein bisschen kniffelig, aber mit Hilfe von Live View und Monitorlupe ist das Problem zu meistern.

 

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Das alles steckt in der edlen Verpackung.
Foto: Lomographische Gesellschaft

Außer dem Set mit runden Blendenlöchern gehören noch Plättchen mit „Spiel-Blenden“ zum Lieferumfang, dazu eine Einschraub-Streulichtblende und ein Objektiv-Vorderdeckel, die beide zur nostalgischen Anmutung des neuen Petzval passen und ein recht profaner Hinterdeckel aus Kunststoff. Außerdem wird ein schön gemachtes Booklet mit geliefert, das Hintergrundwissen, Beispielbilder und die Gebrauchsanweisung enthält. Für all das sind rund 600 Euro zu zahlen.

Alles in allem ist das neue Petzval ein schönes Porträtobjektiv, das besondere Bilder bringt und dazu noch viel Spaß macht, wenn man Sinn für Ur-Ur-Ur-Großvaters Technik hat.

 

4 Kommentare

  1. Hallo Herbert und an alle,
    hat von euch mal jemand den Film “Das finstere Tal” gesehen?
    Der Hauptdarsteller kommt daher geritten, gibt sich als Fotograf aus und packt seinen Fotokasten aus. Die Handlung spielt Ende des 19. Jahrhundert und passt sogar in die Zeit der Fotografieanfänge. Wenn man genau hinsieht, erkennt man auch dieses Objektiv (sicher etwas vereinfacht). Im “Making of” wird auch erklärt, dass sich beim Nachbau dieser Kamera ziemlich genau an Originale gehalten wurde. Als ich hier bzw. im Heft davon las, hab ich mir den Film gleich noch mal rein gezogen.
    Ein tolles Teil. Zur Hälfte des Preises hätte ich mir dieses Spielzeug vielleicht gegönnt. Schließlich ist Weihnachten nicht mehr weit. Aber über 600€ sind dann doch etwas viel für Otto Normalfotografierer…
    LG Gerd

  2. Hallo Herbert, wertes d-pixx-Team,

    ich finde es klasse das es nun ein d-pixxTV gibt. Ich kenne Deine Artikel aus der ColorFoto der 80ger Jahre aber auch aus den regelmäßigen aktuellen d-Pixx-Ausgaben welche es ja für moderates Geld zu kaufen gibt. Hier spricht der Fachmann und Praktiker Klartext, das kann man lesen. Ich denke, das die d-pixx und nun die Tutorials gut zusammen passen. Das wird Erfolg haben, ich wünsche es Euch jedenfalls 🙂

    Gruß aus Oberhausen,
    Volker