Auge in Auge

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Insektenfotografie mit einem Achromat

Wem zu „Insekten“ nur die Fliegenklatsche und die chemische Keule einfallen, sollte umdenken. Man kann den kleinen Tieren auch anders zu Leibe rücken.

Im Sommer ist wieder Insekten-Hochsaison. Dann werde ich immer ganz kribbelig. Denn mein Urtrieb als Jäger und Sammler erwacht wieder und ich muss auf die Insektenjagd gehen. Dieser Urtrieb beginnt aber schon im Frühjahr und hält auch bis in den Spätherbst vor.

Fremde Welt

Das Reich der Insekten und Spinnentiere ist riesig und höchst interessant. Schon der eigene Garten oder der nächste Park bieten enorme Lebensräume mit ganz unterschiedlichen Arten. Und ein Fotoapparat ist ein schönes und vor allem harmloses Instrument, um die Tierchen einzufangen und deren fremde Welt zu studieren.

Panasonic Lumix DMC-G2, 84 mm [@KB], ISO 400, 1:8, 1/400 Sek. Achromat + 8dpt
Panasonic Lumix DMC-G2, 84 mm [@KB], ISO 400, 1:8, 1/400 Sek. Achromat + 8dpt
Equipment

Ein Makroobjektiv an einer Systemkamera – mit oder ohne Spiegel – ist hinsichtlich der Abbildungsleistung die erste Wahl, um diese Motivwelt zu erschließen. Je größer die Brennweite, desto größer kann der Aufnahmeabstand sein und die Fluchtdistanz vieler Kleinstlebewesen wird gewahrt. Um Abbildungsmaßstäbe zu vergrößern können zusätzlich zwischen Kamera und Objektiv Zwischenringe benutzt werden. Mit ihnen kann man auch Nicht-Makroobjektive für den Nahbereich nutzbar machen. Zwischenringe schlucken aber Licht, reduzieren den Aufnahmeabstand erheblich und die Schärfezone wird sehr schmal.

Alle technischen Details zur Makrofotografie sind in der Fotoschule d-pixx 2/2011 und 3/2011 nachzulesen.

Achromat * siehe „Physikalische Fakten“ am Ende des Beitrags

Wer die Kosten eines Makroobjektivs scheut oder eine Bridgekamera für den Makrobereich rüsten möchte, kommt mit einer vergleichbar günstigen achromatischen Nahlinse (im Folgenden Achromat genannt) schnell zu ansehnlichen Ergebnissen. Mit so einer Aufnahmeeinheit sind Aufnahmeabstände und Schärfenzone immer sehr gering. Oft kann der Schärfenpunkt nur über die Feinjustierung des richtigen Abstands punktgenau fokussiert werden. Das macht es bei Insekten als Motiv nicht immer einfach. Bei Verwendung eines Zoom-Objektives liegt der Vorteil dieser technischen Lösung in der variablen Brennweite. Sogar Nahaufnahmen im Weitwinkelbereich lassen sich so erschließen.

Bild 1 - 60 mm [@KB], Bild 2 -100 mm [@KB] bis Bild 3 - 220 mm [@KB]<br />Fujifilm FinePix S6500fd, ISO 100, 1:2,8, 1/120 Sek., Achromat +8 dpt
Bild 1 – 60 mm [@KB], Bild 2 -100 mm [@KB] bis Bild 3 – 220 mm [@KB]
Fujifilm FinePix S6500fd, ISO 100, 1:2,8, 1/120 Sek., Achromat +8 dpt
Was brauchen wir? Es eigenen sich alle Kameras mit Objektiven, die über ein Filtergewinde verfügen, in das sich der Achromat einschrauben lässt. Ein Achromat besteht aus zwei unterschiedlich geschliffenen Linsen, die miteinander verbunden sind, um den Farblängsfehler optischer Linsen zu kompensieren. Es gibt sie in verschiedenen Vergrößerungswerten, die in Dioptrien angegeben werden. Für die Insektenwelt empfehle ich Werte ab +5 Dioptrien aufwärts. Die meisten Vorsätze besitzen ein Gewinde, womit sie sich an das Objektiv schrauben lassen. Einige besitzen eine Klemmfassung, die sich an verschiedene Gewinde anpasst, sie führen aber meistens zu Vignettierungen.

 Fujifilm FinePix S6500fd, 28 mm [@KB], ISO 100, 1:8, 1/400 Sek., Achromat +8 dpt
Fujifilm FinePix S6500fd, 28 mm [@KB], ISO 100, 1:8, 1/400 Sek., Achromat +8 dpt
 Die Makrotechnik mit Vorsatzlinse hat sehr kurze Aufnahmedistanzen zur Folge und es ist mitunter recht kniffelig, das Motiv in die extrem schmale Schärfezone zu bekommen. Ich schwöre daher auf den Einsatz eines Stativs. Eine möglichst niedrige Arbeitshöhe und eine schwenkbare Mittelsäule haben sich bewährt. Für Tiere, die am Boden leben eignet sich ein Bohnensack. Weitere Hilfsmittel, die die Arbeit erleichtern, sind Winkelsucher oder Klappdisplay. Gegen zu hartes Licht oder zum Aufhellen von Schatten hilft ein kleiner Faltreflektor, der auch als Windschutz dienen kann. Aber vorsichtig damit, er könnte unsere kleinen Freunde erschrecken. Eine kleine Isomatte schont die Knie. Aber das ist noch nicht alles. Vor allem benötigen wir sehr viel Ruhe, Ausdauer und Beharrlichkeit.

Einstellungssache

Hinsichtlich der Kameraeinstellungen empfehle ich Einsteigern, sich auf die Automatik zu verlassen. Viel wichtiger ist es, ein Gefühl für die munteren Motive zu bekommen. Bei Kompaktkameras genügt es oft, den Makromodus zu aktivieren, der sehr geringe Aufnahmeabstände erlaubt. Gegebenenfalls einfach mal in die Gebrauchsanweisung schauen! Wenn so ein Apparat mit einem kleinen Sensor ausgestattet ist, spielt die Blendenwahl keine ausschlaggebende Rolle. Ansonsten sollten wir mit Blenden um 8 bis 16 in der Zeitautomatik arbeiten. Entsprechend der Lichtstärke ist der ISO-Wert zu wählen, um auf nicht allzu lange Belichtungszeiten zu kommen.
Die mittenbetonte Mehrfeldmessung hat sich bei mir bewährt. Wenn wir etwas Übung haben und die begehrten Geschöpfe mitspielen, können wir versuchen mit großen Blendenwerten und / oder gezielten Über- oder Unterbelichtungen stimmungsvolle oder abstrakte Bilder zu erzeugen.

Hauhechel-Bläuling
Panasonic Lumix DMC-G2, 60 mm [@KB], ISO 100, 1:8, 1/100 Sek. Achromat + 8dpt
Jagen und sammeln

Insekten treffen wir eigentlich überall an, aber es gibt Bereiche, da kommen sie in großer Zahl vor. Wie schon gesagt, ist der Garten für den Anfang sehr gut. Dort treffen wir auf die bekanntesten Insekten. Es gilt: Je unbekannter das Insekt, desto ungewöhnlicher das Bild. Daher sind naturbelassene Areale wesentlich spannender. Meine bevorzugten Reviere sind Flussauen, Feuchtwiesen und Naturparks. Man nimmt sich zu Beginn ein nicht allzu großes Areal vor und begutachtet die verschieden Lebensraumabschnitte. Viele Insekten leben in Wassernähe, daher sind die Ufer von Gräben, Bächen, Flüssen, Teichen und Seen sehr ergiebige Habitate. Haben wir uns für einen Abschnitt entschieden, beobachten wir die unmittelbare Umgebung. Bei Gefahr verstecken sich einige Spinnen und Insekten, andere flüchten. Die Bedrohung sind wir, das sollten wir bedenken. Daher ist immer darauf zu achten, wo der eigene Schatten, bzw. der Schatten des Stativs oder des Faltreflektors hinfallen. Hier hilft nur üben, üben, üben.

Panasonic Lumix DMC-G2, 72 mm [@KB], ISO 400, 1:9, 1/320 Sek. Achromat + 8dpt
Panasonic Lumix DMC-G2, 72 mm [@KB], ISO 400, 1:9, 1/320 Sek. Achromat + 8dpt

Lässt die Aufnahmeeinheit nur sehr geringe Mindestabstände zu, ist es umso schwieriger sich Insekten oder Spinnen zu nähern. Wenn wir aber früh morgens bei kühlen Temperaturen loskommen, dann befinden sich die Tierchen oft noch in einer Ruhestarre. Zudem haben wir gute Chancen, dass Tautropfen unsere Motive besonders umspielen. Es dauert eine Weile, bis sich unsere Wahrnehmung auf den Makrokosmos herunter skaliert hat und wir brauchen jetzt auch gar nicht mehr dem Sonnenaufgang schöne Augen machen. Konzentration ist angesagt!

Und nun lösen wir unsere Lesestarre und gehen auf Insektenjagd.
Ich wünsche viel Erfolg!

Kai Kinghorst

Fujifilm FinePix S6500fd, 135 mm [@KB], ISO 200, 1:8, 1/200 Sek., Achromat +8 dpt
Fujifilm FinePix S6500fd, 135 mm [@KB], ISO 200, 1:8, 1/200 Sek., Achromat +8 dpt
Verhaltenstipps:

– Örtliche Naturschutzbestimmungen sind unbedingt einzuhalten.
– Es lohnt sich, den Landwirt, Förster, Jagdpächter oder Landschaftshüter über seine Absichten in Kenntnis zu setzen. Ein kleines Portofolio im Taschenformat mitzuführen hilft, die Absichten zu verdeutlichen.
– Feste Schuhe oder Gummistiefel haben sich bewährt.
– Eine Regenhose schützt vor Nässe. Und da Disteln, Brennnesseln und ähnliche Pflanzen äußerst unangenehm sind, ist lange, geschlossene Kleidung auch bei Wärme vorteilhaft.
– Zecken und Mücken sind zwar auch fotogen aber wahre Plagegeister. Zecken- und Mückenschutzspray hilft ein wenig. Nach einer Tour unbedingt die Kleidung über die Duschwanne ausschütteln und den Körper nach Zecken absuchen. Zecken kann man mit einem Klebestreifen gut einsammeln, bevor sie sich wieder verstecken. Wie man mit dem Zeckenproblem umgeht, kann man im Internet recherchieren (z.B. www.zecken.de).

Copyright Fotos und Text: © Kai Kinghorst

Fujifilm FinePix S6500fd, 300 mm [@KB], ISO 200, 1:8, 1/140 Sek., Achromat +8 dpt
Fujifilm FinePix S6500fd, 300 mm [@KB], ISO 200, 1:8, 1/140 Sek., Achromat +8 dpt
* Physikalische Fakten

Brechkraft, Brennweite und mehr

Die Stärke einer Nahvorsatzlinse (Brechkraft D) wird in Dioptrien angegeben. Sie ist der Quotient aus dem Brechungsindex der Luft (1) und der Brennweite (f) der Nahvorsatzlinse, die in Metern angeben wird: D = 1/f (Benennung 1/m).

Kennt man die Brechkraft, kann man die Brennweite der Nahvorsatzlinse berechnen: f = 1/D (Benennung m). Eine Nahvorsatzlinse mit einer Brechkraft von 4 dpt hat also eine Brennweite von 1/4 m oder 250 mm. Das ist gleichzeitig der größtmögliche Arbeitsabstand, der mit einem Objektiv und dieser Nahvorsatzlinse eingestellt werden kann. Alles, was weiter weg ist, wird unscharf.

Um den Abbildungsmaßstab einer Kombination aus einer Nahvorsatzlinse und einem Objektiv zu errechnen, wenn das Objektiv auf Unendlich eingestellt ist, teilt man die Brennweite des Objektivs durch die der Nahvorsatzlinse. Mit einem 50-mm-Standardobjektiv und einer Nahvorsatzlinse mit 4 dpt = 250 mm Brennweite liegt der entsprechende Wert also bei 1:5. Stellt man am Grundobjektiv kleinere Entfernungen ein, wird der Abbildungsmaßstab größer.

Herbert Kaspar

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