Gedanken zur Bildgestaltung

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Das Bild heißt “Dalbentanz”. Unter einer Dalbe, Dalle, bzw. einem Dalben, Dälben, oder auch Duck-, Duk- oder Dückdalben, versteht man in den Hafengrund eingerammte Pfähle zum Befestigen oder Abweisen von Schiffen oder zur Markierung der Fahrrinne (weiß Wikipedia). Fünf solcher Dalben fotografierte d-pixx-Autor Kai Kinghorst bei Sonnenaufgang und machte sich Gedanken zu Formataufteilung und Kontrast

Ein kalter, windiger Novembermorgen an der Nordsee am Jadebusen. Ich beobachtete, wie die Sonne am Horizont erschien und wie das vom Wind wogende Wasser ein paar Dalben eines alten Fähranlegers scheinbar zum Tanzen brachte. Schon hatte ich ein Motiv. Um Hände und Kopf für die Bildgestaltung frei zu haben, baute ich meine Kamera auf mein Stativ. Wenn die Sonne über den Horizont schwappt bleibt nicht viel Zeit, bis sie so hoch wandert, dass der Lichtkontrast zu stark für die Dynamikbewältigung wird. Es war also ein wenig Eile geboten. So richtete ich flott die Kamera ein und stellte Überlegungen für eine harmonische Formataufteilung und Anordnung der Objekte darin an.

Formataufteilung und Kontrast

Für eine gute Tiefenwirkung ist es wichtig, dass Objekte im Vordergrund entweder unter der Horizontlinie bleiben oder sie deutlich überschneiden. Der Betrachter kann später auf dem zweidimensionalen Foto sonst die Objektstaffelung nur schwer ableiten. Es entspricht unseren Sehgewohnheiten, dass Objekte im Vordergrund größer erscheinen als Objekte im Hintergrund. Wenn eine Horizontlinie nun mit Kanten von Objekten im Vordergrund auf einer Höhe ist, funktioniert diese Umsetzung in einer zweidimensionalen Abbildung nicht mehr so gut.

Die nächste Überlegung galt der Positionierung der Bildelemente im Kamera-Display. Horizontlinie, Wasser, Himmel, Sonne und ein paar windschiefe Dalben. Ganz schön viel für ein gutes Bild. Um das Wasser weicher und weniger ablenkend ins Bild zu holen, entschloss ich mich, einen starken Graufilter ND 3 mit 1000-facher Verlängerung, also -10 Lichtwerte, einzusetzen. Wegen der kräftigen Gegenlichtsituation nahm ich eine Belichtungskorrektur von -2/3 Lichtwerten vor. Bei Blende 11 und ISO 100 stellte sich über die Zeitautomatik ein Wert von 5 Sekunden ein. Die reguläre Belichtungszeit ohne Graufilter wäre 1/200 Sekunde (5 Sek. / 1000) gewesen. Nun müsste das Wasser weich und damit weniger gewichtet ins Bild kommen. Sollte ich nun aber mehr den Vordergrund oder mehr den Himmel betonen, also den Horizont im oberen oder unteren Drittel positionieren?

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Zu viele Dalben und der zu stark gewichtete Vordergrund bremsen Spannung und Dynamik aus.

Die Kamera war mit einem Zoomobjektiv bestückt und auf dem Kugelkopf schnell auszurichten und so probierte ich mehrere Perspektiven aus. Die Dalben bilden als Silhouetten ganz klare, fast senkrechte Linien. Solche Bildelemente haben eine aufstrebende Symbolik und erfordern, zur stärkeren Betonung dieser Eigenschaft, ausreichend Raum nach oben. Das erschien mir nach der Beurteilung meiner Live-View-Anzeige harmonisch. Also mehr Himmel. Aber es störten mich noch die vielen Objekte, die ich durch einen engeren Ausschnitt auf fünf senkrechte Linien reduzieren konnte.

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Gute grafische Aufteilung der Bildelemente. Aber recht “gewöhnlich” und mäßig spannend.

Durch eine intuitive Anordnung der Linien im Bildformat und der Platzierung der Sonne als Gegenpol zu den Dreieck-Punkten erhielt ich eine zufriedenstellende Bildaufteilung. Dabei half mir das eingeblendete Kompositionshilfsraster meiner Kamera. Aber die Spannung war mir noch nicht dramatisch genug und ich probierte einen Wechsel ins Hochformat. Bei der späteren Betrachtung fiel mir der Mengenkontrast auf. Die Gruppe der vier kurzen Linien, wobei zwei ganz kurze durch zwei etwas längere eingefasst werden, in der Gegenüberstellung zur der langen Linie.

 

 

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Ein Landschaftsbild wirkt im Hochformat ungewöhnlich. Außerdem betont es hier die aufstrebende Symbolik senkrechter Linien. Die Aufteilung ist wieder harmonisch

Der Mengenkontrast oder auch Proportionskontrast beruht auf der Gegenüberstellung unterschiedlich großer Flächen. In der Farbenlehre wird er als Quantitätskontrast bezeichnet und wirkt durch die Harmonie kontrastierender Farbflächen. In einem bestimmten Verhältnis zueinander wirken Gruppen von Farbflächen oder anderen Objekten harmonisch und können bei geschickter Anordnung einen Spannungsbogen bilden. Die Farbflächen können sich unter anderem durch Komplementärfarben oder, wie in diesem Beispiel durch dunkle von hellen Flächen abheben.

Ein weiteres, wichtiges Bildelement ist die Sonne. Sie kommt hier, weil schon relativ stark “ausgebrannt”, als dominante, weiße, kreisförmige Fläche ins Bild. Helle Flächen werden im Allgemeinen besonders stark wahrgenommen. Genauso wie Punkte. Die Sonne ist eventuell schon etwas zu groß, um als Punkt durchzugehen. Aber die beiden Dreiecke, die den einzelnen Dalben rechts krönen, gehen durchaus noch als solche durch. Daraus ergibt sich ein weiterer Kontrast, der quasi Anfang und Ende des Spannungsbogens markiert.

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Mengenkontrast: Die Gruppe der zwei zu zwei Linien (blau und cyan) steht im Kontrast zur einzelnen Linie (rot) und baut Spannung auf. Zusätzlich wird über die kreisförmige Fläche der Sonne und die Dreieck-Punkte ein Bogen über die gesamte Gruppe geschlagen (grün).

 

Flächenanalyse und Balance

Eine weitere Betrachtung hinsichtlich der Balance der hellen und dunklen Flächen eines Bildes, lässt sich mit der Posterisierung anstellen. Dazu habe ich das Bild auf nur vier Tonwerte reduziert und kann nun die Verteilung der hellen und dunklen Fläche im Bildformat beurteilen. Hierbei wird deutlich, dass die beiden dunklen, dreieckigen Flächen rechts oben und unten durch die weiße Fläche der Sonne recht gut ausgewogen sind. Ich stelle mir besonders dominante Flächen mit einem entsprechenden Gewicht vor und piekse eine gedankliche Nadel ins Bildzentrum. So ergibt sich eine gedachte Waage, mit der sich die Balance eines Bildes ganz gut beurteilen lässt. Die dunklen Dreiecke und die helle, kreisförmige Fläche stellen einen weiteren Formenkontrast dar, der dem Betrachter zwar kaum bewusst wird, für die Gesamtwirkung aber durchaus Ausschlag gebend wirkt.

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Flächenharmonie und Balance

Fazit

Alles zusammen betrachtet sind die recht vielen Bildelemente harmonisch und spannend in eine mehrfach kontrastierende Gegenüberstellung gebracht. Damit das Bild am Ende reduzierter erscheint, habe ich es monochrom eingefärbt. Das Gelb-Orange untermalt zudem die Sonnenaufgangsstimmung. Ein Landschaftsbild im Hochformat wirkt häufig spannend und kommt hier der Lage der Objekte entgegen. Die Horizontlinie verbindet die Bildelemente und rief bei mir die Assoziation einer Notenzeile hervor.

Anmerkung

Das alles mag den einen oder anderen Leser sicher frei interpretierbar vorkommen. Und genauso ist es. Die Bildbetrachtung, und damit auch die Bildgestaltung, ist immer eine Interpretation. Sowohl vom Betrachter, als auch vom Autor.

Copyright für alle Abbildungen: Kai Kinghorst

 

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