Man kann / will / darf nicht raus – möchte aber doch ein paar Bilder machen? Tabletop oder Stillleben bieten sich als Motivbereiche an.

Es gibt Motivbereiche, die sich gut beschreiben lassen. Architekturfotografie etwa. Sport- und Tierfotografie. Porträtfotografie. Landschaftsfotografie. Bei der Aktfotografie (beispielsweise) wird es schwieriger – wann ist es Akt, wann Erotik. (Warum überwiegend Frauen nackt abgelichtet werden, ist eine andere Frage …)

Auch die Themen Tabletop und Stillleben, um die es hier gehen soll, lassen sich nicht so hundertprozentig genau fassen. Wo verläuft die Grenze? Ist eine alte Kamera neben einer modernen Vase, die unscharf den Hintergrund einnimmt, ein Stillleben oder eher eine aufgebohrte Produktaufnahme? Ist ein rostiges Fahrrad neben einer alten Milchkanne vor einer Mauer mit abblätterndem Putz schon zu groß für ein Stillleben?Ist ein Aufbau auf dem Boden, schön von oben fotografiert, ein Tabletop?

Nun – wir wollen auf diesen Seiten die Sache nicht zu eng sehen. Als  Basis nehmen wir einen Aufbau  mit einem Objekt oder aus mehreren Objekten, die vom Fotografen hübsch angeordnet worden sind (gestaltetes Stillleben).

Die Objekte können aber auch von jemand anderem hübsch angeordnet worden sein oder einfach per Zufall fotogen zusammenstehen oder -liegen (gefundenes Stillleben). Das Motiv  kann auf einem Tisch aufgebaut worden sein (Tabletop), muss aber nicht.

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Wie immer in der Fotografie ist alles eine Frage des Lichts. Viele Maler und Fotografen arbeiten gern in Studios mit einem Nordfenster. Besonders interessant sind Dachliegefenster, da das Licht von schräg oben auf die Arbeitsplatte fällt. Je nach Anordnung von Aufnahmefläche und Kamera kann man mit  Gegen- oder Seitenlicht arbeiten.

Bei uns auf der Nordhalbkugel steht die Sonne niemals im Norden. In so einem Studio hat man also nie mit den Problemen des harten Sonnenlichts (harte, schwere Schatten) zu kämpfen. Allerdings kann das indirekte Licht von einem blauen Himmel durchaus einen Blaustich hervorrufen. Besonders gut eignet sich ein Nordfenster an einem bedeckten Tag als Lichtquelle. Das Fenster wirkt ähnlich wie eine große Softbox. Es empfiehlt sich auf jeden Fall, den Weißabgleich zu überprüfen. Wenn man sich aber in Ruhe mit einem Aufbau beschäftigt, kann man sich auch einen Moment mehr Zeit nehmen und den Weißabgleich manuell durchführen. 

Natürlich lassen sich aber auch die Fenster als Lichtquelle nutzen, die in eine andere Himmelsrichtung zeigen. Es ist dann eben darauf zu achten, wie das Licht das Objekt beeinflusst. Werden die Kontraste zu hoch? Kommen die Farben zu krawallig? Zerreißen harte Schatten  das Objekt?

Ein dünnes weißes Tuch macht dann das Licht weicher. Auch große Bogen Pauspapier / Architektenpapier sind gute und recht neutrale „Weichmacher“. Praktisch, wenn das Tuch oder Papier leicht ist und sich mit nur ein paar Streifen Klebeband befestigen und leicht wieder abnehmen lässt. Wer das oft macht, kann ggf. Klettbandstreifen am Fenster und die Gegenstücke am Diffusor befestigen. Dann ist man schnell aufnahmebereit.

Als Hauptlichtquellen gibt es natürlich auch ein breites Angebot an Leuchten – vom Studioblitz über Fotoleuchten mit Tageslicht-LED-Leuchtmitteln bis zu LED-Flächenleuchten in unterschiedlichen Größen. Interessant sind mittlere Größen, die man auf Tischstativen oder kleinen Stativen frei platzieren kann.

Je nachdem, wie oft man Stillleben oder Tabletopaufnahmen macht, kann sich auch die Anschaffung eines Leuchtensets lohnen – meist zwei oder drei Blitze oder Fotoleuchten mit Stativen und vielleicht mit verschiedenen Lichtformern.

Aber oft reicht es, zusätzlich zum Hauptlicht (Fenster oder Leuchte) Aufheller einzusetzen. Auch hier findet man auf den Homepages oder in den Katalogen der entsprechenden Anbieter viele vorgefertigte Lösungen, mit denen man sehr gut arbeiten kann.

Wer ein bisschen Improvisationsvermögen hat, kommt aber auch deutlich preisgünstiger zu brauchbaren Lösungen. Immer wieder praktisch sind Styroporplatten. Je dicker sie sind, desto standfester sind sie. Einfache Holzstäbchen (z. B. Schaschlikspieße oder Stäbchen, die man nutzt, um Blumen gerade zu halten) kann man als Stützen vorn und hinten schräg in die Platte stecken. Um kleine Objekte kann man Styroporblöcke aufbauen, die keine Stützen brauchen.

Man kann die Platten oder Blöcke aber auch noch anderweitig verwenden, indem man beispielsweise schwarze Pappe mit ein paar Reißzwecken daran befestigt, um in glänzende Flächen schwarze Reflexe einzuspiegeln.

Styroporplatten oder  -blöcke findet man im Baumarkt und es kann sich durchaus lohnen, die Styropor-Polsterungen aus Kartons mit elektronischen Geräten aufzuheben.

Wie gesagt: Improvisationsvermögen ist gefragt. Wenn schnell eine kleine Wand gebraucht wird, an der man ein weißes Blatt Papier oder Alufolie als Aufheller befestigen kann, kann man eine kräftige Pappe mit ein paar Wäscheklammern zum Stehen bringen.

An der Pappe lässt sich übrigens auch einmal ein großes Foto anbringen, das dann als unscharfer Hintergrund für eine Aufnahme dient.

Der erste Impuls bei der Ausleuchtung eines Stilllife- oder Tabletopmotivs ist, als Hauptlicht eine Leuchte so zu platzieren, dass das Licht schräg von oben einfällt, oder zwei Lichtquellen so aufzubauen, dass sie aus unterschiedlichen Winkeln von vorn leuchten, um eine gleichmäßige Ausleuchtung zu erzielen. Das ist nicht verkehrt, besonders wenn eine Leuchte von oben links strahlt, denn das wird in unseren Breiten als natürliche Lichtrichtung empfunden.

Eine effektvollere Ausleuchtung ist zu erreichen, wenn man Licht von hinten / hinten oben auf das Motiv fallen lässt und dieses leichte Gegenlicht mit Leuchten oder Aufhellern von vorn abmildert. Ein immer wieder praktikabler Aufbau sieht so aus, dass Licht aus einem Fenster (durch Tücher weich gemacht, siehe oben) oder aus einer Leuchte mit Softbox von hinten auf das Motiv scheint. Vor dem Motiv sind V-förmig zwei Aufheller so platziert, dass die Spitze des V einen Spalt bildet, durch den man das Objektiv stecken kann.

Jeder Tisch kann zum Tabletop-Studio werden. Esszimmer- oder Schreibtische eignen sich sehr gut, wenn Aufnahmen aus einem eher flachen Winkel gemacht werden sollen, niedrige Wohnzimmertische für Bilder aus Obersicht. Gegebenenfalls sollte man sich nicht scheuen, die Leiter hervorzuholen, die seit den letzten Malerarbeiten im Keller oder in der Abstellkammer steht, um von oben zum Schuss zu kommen.

 

Bild (c) Kaiser Fototechnik

Wer sich jedoch oft Tabletop und Stillife widmen möchte, sollte die Anschaffung eines speziellen Aufnahmetisches erwägen. Je nach Größe der Objekte, die fotografiert werden sollen, und dem Platzangebot in der Wohnung, kann man wählen zwischen freistehenden großen Tischen und kleineren Varianten, die ihrereseits auf dem Esszimmer- oder Schreibtisch aufgebaut werden. Für sehr viele Motive reicht eine Tisch-auf-Tisch-Lösung aus.

Solche Aufnahmetische zeichnen sich dadurch aus, dass die Arbeitplatte hinten nach oben gebogen ist. Dadurch entsteht eine so genannte Hohlkehle, in der Unter- und Hintergrund nahtlos ineinander übergehen.

Ob die Tischplatte des Küchen-, Wohnzimmer- oder Aufnahmetisches selbst als Unter- / Hintergrund dienen soll, muss von Fall zu Fall entschieden werden. Für all die Situationen, in denen die Entscheidung negativ ausfällt, sollte man sich im Laufe der Zeit eine kleine Sammlung an Hintergrundmaterialien aufbauen.

Natürlich gilt der erste Blick den Hintergrundkartons aus dem Fotohandel, die es einfarbig oder mit Farbverläufen gibt. Sie ergeben einen ruhigen Hintergrund, den man am besten noch in die Unschärfe setzt, um das Motiv hervorzuheben.

Auch wenn es ein bisschen abgedroschen ist – viele Motive wirken vor Schwarz oder Weiß einfach gut. Allerdings ist es nicht ganz einfach, schon bei der Aufnahme einen wirklich schwarzen oder weißen Hintergrund zu erzielen.

Es ist praktisch, wenn ein großer Abstand zwischen Objekt und Hintergrund liegt. Beim schwarzen Hintergrund kommt dann weniger Licht an. Außerdem kann man schwarze Pappen so platzieren, dass sie das Licht, das das Hauptmotiv ausleuchtet, vom Hintergrund fernhalten. Beim weißen Hintergrund kann man den Abstand zum Hintergrund nutzen, um eine Leuchte so aufzubauen, dass sie nur den Hintergrund beleuchtet.

Die Belichtung wird auf das Hauptmotiv abgestimmt oder per Spotmessung auf eine Graukarte. Wenn vorhanden, kann ein Handbelichtungsmesser für die Lichtmessung eingesetzt werden. (Es  gibt auch Vorsätze für die Smartphone-Kamera und entsprechende Apps, die das Smartphone zum Handbelichtungsmesser umfunktionieren, aber das habe ich noch nicht ausprobiert.)

Sollte der schwarze Hintergrund nicht schwarz genug oder der weiße Hintergrund nicht weiß genug ins Bild kommen, schlägt die Stunde der Bildbearbeitung. Histogramm- und Tonwertkurvenwerkzeuge helfen, und auch die selektive Farbkorrektur  lässt sich nutzen. Am besten gelingt die Nachbearbeitung, wenn man RAW-Bilder aufnimmt und sie in einem guten Konverter entwickelt, wo man Lichter und Schatten präzise beeinflussen kann. Aber das gilt ja nicht nur im Umfeld  Stilllife / Tabletop!

Anstelle eines einfarbigen oder Verlaufshintergrundes kann man auch ganz andere, „reale“ Materialien verwenden.

Hinter-/Untergründe, die man auf einen stabilen Tisch legen kann: ausgebleichte Holzbohlen, Steinplatten, die man als Abfall bei einem Steinmetz mitgenommen hat (sehr schön: Granit oder Schiefer), Boden- oder Wandfliesen,  auch ein paar Ziegel- oder Pflastersteine, die man zu einem Muster legt, können passen.

Hinter-/Untergründe, die man auf einen leichten Tisch legen kann: Korkplatten, Sackleinen, gekrümpelte Alufolie, Packpapier, alte vergilbte Zeitungen, Drahtglas, Tapetenreste und und und …

Ob für einen stabilen oder leichten Tisch: Es empfiehlt sich, eine Sammlung von Hinter-/Untergründen anzulegen.

Ein ganz anderen Untergrund verwendet man, wenn durchscheinende Objekte zu fotografieren sind – nämlich eine Tageslichtleuchtplatte. Man kann sie, sicher abgestützt, auch als Leuchte für andere Motive verwenden.

Vor den Aufbau für eine Stilllife- oder Tabletopaufnahme gehört ein ordentliches Stativ, damit die Arbeit nicht durch einen Wackler wieder zunichte gemacht wird oder Serien mit gleichbleibendem Bildausschnitt geschossen werden können. Das ist zum Beispiel wichtig, wenn man die Schärfenzone durch Fokus-Stacking erweitern möchte. (Auch wenn die Kamera bereits eine Stacking-Funktion eingebaut hat und damit Aufnahmen aus der Hand möglich sind, ist man mit einem Stativ auf der sichereren Seite!) 

Wie groß das Stativ sein soll, hängt vom Aufbau ab. Man sollte auf jeden Fall bequem von schräg oben fotografieren können.

Im Studio kommt es ja nicht so sehr auf ein niedriges, tragbares Gewicht an, also kann man einerseits gut zu einem Aluminiumstativ greifen, das einen etwas niedrigeren Preis als ein sonst baugleiches Carbonstativ hat. Aber andererseits sollte ein Stativ auch draußen für die unterschiedlichsten Motive eingesetzt werden.  Bei einem längeren Spaziergang oder einer richtigen Fototour machen sich dann einige Gramm mehr oder weniger schon bemerkbar – also ist im Endeffekt ein Carbonstativ dann doch die vielseitigere Anschaffung.

Wenn man ein Dreibeinstativ nah an einem Tisch aufstellen möchte, bemerkt man manchmal, dass man nicht nah genug herankommt. Da ist es dann praktisch, wenn sich die Stativbeine weit abspreizen lassen – am besten, fast waagrecht. Je nach Situation kann man dann eines oder zwei der Beine auf die Tischplatte legen und damit die Kamera näher ans Geschehen bringen.

Ein interessantes Ausstattungsdetail ist im Zusammenhang mit Tabletop / Stilllife, wenn die Mittelsäule um 90° geschwenkt werden kann. Damit sind dann Aufnahmen direkt von oben gut möglich!

 

Eine Sonderform der Stative sind die Reprostative. Eine Säule ist an einer Grundplatte angebracht, und an ihr kann die Kamera stufenlos nach oben und unten bewegt werden. Solche Stative sind eine sehr praktische Sache, wenn man oft Motive direkt von oben fotografiert.

 

Text und alle Bilder (sofern nicht anders vermerkt) (c) Herbert Kaspar