Canon EOS R – Erster Blick und einige Gedanken

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Canon EOS R

Alle Zweifel sind beseitigt: Es gibt eine spiegellose Vollformatkamera von Canon. Sie heißt Canon EOS R. Und alles, was in den Leaks der letzten Tage zu lesen war, stimmt.

Schauen wir erst einmal kurz auf die technischen Eckdaten:

canon eos r

Der Vollformatsensor ist mit 30,3 Mio. Pixeln besetzt. Als es die Samsung NX-1 noch gab, war ich mit deren Auflösung von 28 MPix immer sehr zufrieden. Damit kann man sehr gut eine Doppelseite der d-pixx foto drucken und hat Spielraum für ein bisschen Beschnitt – etwa, nachdem der Horizont gerade gerichtet ist. Die EOS R ist hier noch ein bisschen großzügiger. Das gefällt mir.

Der Sensor ist fest verbaut. Das heißt: es gibt keinen internen Stabilisator, sondern Stabilisatoren in IS-Objektiven. In diese Gruppe gehören aber auch im RF-Objektivsystem leider nicht alle. Der fest verbaute Sensor macht auch kleine Hilfen, wie den Horizontausgleich, den man von Pentax kennt, nicht möglich.

Für den Sensor können Empfindlichkeiten im Bereich von ISO 50 bis ISO 40.000 eingestellt werden. Im erweiterten Modus stehen die Werte von ISO 50 bis ISO 102.400 zur Verfügung.

Der Sensor, der auf BSI-Technik verzichtet, ist mit einem neuen DIGIC 8 Bildprozessor gekoppelt. Seine Rechenleistung wird u. a. gebraucht, um die Bilddaten in der Kamera zu optimieren. Der Digital Lens Optimizer verwendet dafür Korrekturdaten, die im Objektiv hinterlegt sind und in die Kamera übermittelt werden. Außerdem ist der DIGIC 8 dafür verantwortlich, dass Serien bis zu 8 B/Sek. ohne und bis zu 5 B/Sek. mit Schärfennachführung aufgenommen werden können. Das sind keine Spitzen- , aber angesichts des Datenvolumens pro Bild sehr gute Werte.

canon eos r

Der Autofokus basiert auf der Canon eigenen Dual Pixel Technik und wird entsprechend schnell sein, wie man es von anderen EOS-Modellen schon kennt. Allerdings stehen bei der EOS R nun sagenhafte 5.655 wählbare Positionen für das aktive AF-Messfeld zur Verfügung. Die Lage des Schärfenpunktes kann auch per „Touch & Drag“ auf dem Monitor festgelegt werden. Welche Vorteile die 5.655 Positionen im Alltag wirklich bringen, wird zu überprüfen sein. Ob man mit dem Finger auf dem Touchscreen den Punkt mit den Koordinaten x 500 / y 278 genau trifft … ?

Dass der AF Gesichts- und Augenerkennung unterstützt, ist auf jeden Fall begrüßenswert.

Erst recht begrüßenswert ist, dass der Autofokus bis -6 EV arbeitet. Das entspricht einer Belichtung von ISO 100, Blende 2 und 240 Sek. Da ist es dann schon richtig dunkel. Wie gut man das Motiv unter diesen Umständen im Sucher sieht, ist ebenfalls bei einem Praxistext festzustellen.

Apropos Sucher: Es handelt sich natürlich um einen elektronischen Sucher mit der sehr hohen Auflösung von 3,69 Mio Dots. Die Vergrößerung von 0,76x ist nicht ganz Spitze, aber sehr weit oben dabei. (Anmerkung: zunächst war ein Wert von 0,71x genannt, der in einem Datenblatt stand.)

Canon EOS R

Der Rückwandmonitor hat eine Diagonale von 3,15“. Das ist unorthodox. Seine Auflösung von 2,1 Mio. Dots  ist standesgemäß. Nachdem beweglich gelagerte Monitore spät, aber doch auch von Canon verwendet wurden, ist es natürlich, dass die Canon EOS R nun einen schwenk- und drehbaren Monitor besitzt.

Ich frage mich, ob es vielleicht einmal einen abnehmbaren Sensor gibt, der beim Abnehmen automatisch eine Verbindung zur Kamera herstellt und als Fernbedienung genutzt werden kann – ohne Smartphone und App. Für mich als Nicht-Smartphone-Affinen wäre das toll … und man wird ja mal träumen dürfen.

Auch für die spiegellose Systemkamera hat man sich bei Canon für das klassische DSLR-Design entschieden und sich sehr an die bekannten EOS-Modelle angelehnt. Die hübsch anzusehende, am Computer gerenderte Version einer digitalen Canon AE-1, die ein User im Internet vorgestellt hatte, wurde also keine Wirklichkeit.

Ein Unterschied zwischen den Gehäusen der „kleinen“ und der „großen“ EOS-Modelle war das Daumeneinstellrad. Bei der neuen EOS R, die von den technischen Daten und auch vom Preis den „großen“ Modellen zugerechnet werden muss, findet man es nicht.

Canon EOS R

Stattdessen lugt zwischen Kappe und Rückwand im Griffbereich des rechten Daumens ein Rad hervor, das eine Reihe von Einstellarbeiten leichter machen soll. Dazu kommen eine 4-Richtungswippe und die neue Touch-Bedienleiste mit Doppelfunktion. Man kann sie rechts und links antippen, um vorher festgelegte Funktionen aufzurufen und man kann von einer Seite zur anderen wischen, um Parameter zu ändern. Das klingt vielversprechend – ich bin schon mal gespannt.

Wenn es um Belichtungsmessung und -steuerung, um Weißabgleich, Blitzfunktionen, WiFi- und Bluetooth-Module und Videofunktionen geht, findet man, was man von einer aktuellen EOS erwartet.

4K mit nur 30 B/Sek. ist zwar einerseits nicht das ganz Gelbe vom Ei. Aber andererseits reicht es mir und sicher vielen Ihnen auch dicke aus, denn ich will mit einer Kamera in erster Linie fotografieren!

Und es gibt etwas, was man von einer neuen Canon EOS nicht erwarten konnte: Die Betriebsart „Fv“. Hier kann man schnell und intuitiv Verschlusszeit, Blende, ISO- und Belichtungskorrekturwerte einstellen und damit die vorgegebenen Belichtungswerte der Kamera so zurechtbiegen, dass sie zur eigenen Vorstellung vom Bild passen. Daumen hoch.

Als spiegellose Systemkamera ist die Canon EOS R schlanker als die DSLR-Modelle. Damit verbunden ist ein Auflagemaß von 20 mm. Die speziell für die neue Kameraserie entwickelten RF-Objektive sind also 24 mm näher am Sensor als die EF-Objektive bei den EOS Modellen mit Spiegel. Dadurch können die Objektive nicht nur kleiner ausfallen, sondern die Ingenieure können mit (etwas) weniger Aufwand die Abbildungsfehler korrigieren.

Durch den geringeren Abstand zwischen Objektiv und Sensor kann die Abbildungsleistung an den Bildrändern und in den Bildecken verbessert werden – wie sich das im Fotoalltag auswirkt, werden wir in Praxistests feststellen.

Canon EOS R

Die Erstausstattung an Objektiven beschränkt sich auf vier Modelle:
RF 4/14-105 mm L IS USM für 1.199 € (UVP)
RF 2/28-70 mm L USM für 3.249 € (UVP)
RF 1,2/50 mm L USM für 2.499 € (UVP)
RF 1,8/35 mm Macro IS STM für 549 € (UVP)

Das Gehäuse soll übrigens 2.499 € kosten, das Set mit dem 24-105 mm wird mit 3.499 € zu Buche schlagen.

Dass ein Makroobjektiv im Startquartett ist, sogar mit Bildstabilisator, ist gut – dass die längste Brennweite bei 105 mm liegt, ist eher unverständlich. Aber die Marketingexperten werden sich etwas dabei gedacht haben (zumal es zu den neuen Nikon DSLMs auch kein Tele oder Telezoom mit Z-Bajonett gibt).

Wenn man, wie ich, die Blendenringe liebt, die man z. B. an vielen Fujifilm-Objektiven findet, sind die Einstellringe der neuen Objektive eine feine Sache – zumal sie nicht nur als Blendenringe genutzt werden können. Sie sind konfigurierbar und man kann mit ihnen z. B. auch die Verschlusszeit, die Empfindlichkeit und den Belichtungskorrekturfaktor ändern.

Wie auch beim Mittbewerber Nikon können bestehende Objektive per Adapter an der neuen Kamera verwendet werden. Er setzt das Auflagemaß wieder auf die bekannten 44 mm herauf.

Canon EOS R Adapter

Canon bietet drei Varianten. Neben dem Standardadapter (109 € UVP) gibt es einem mit dem konfigurierbaren Einstellring der RF-Objektive (219 € UVP) und zwei mit Filterschubladen, wodurch der Filter günstig zwischen Objektiv und Sensor sitzt und nicht vor der Frontlinse!  Ein Adapter ist mit einem variablen ND-Filter ausgestattet (449 € UVP), der andere mit einem Zirkular-Polarisationsfilter (329 € UVP).

Alles in allem

macht die neue Canon EOS R auf dem Papier einen ganz hervorragenden Eindruck – aber es bleibt natürlich abzuwarten, wie sie in der Praxis gegenüber den etablierten Mitbewerbern abschneidet. Dabei ist zu bedenken, dass es die nicht nur im Vollformat gibt, sondern dass die Top-APS-  und mFT-Modelle Hervorragendes leisten, und dass es für die Kameras von Fuji, Olympus, Panasonic und Sony schon gut ausgebaute Objektiv-Systeme gibt.

Vieles für den Erfolg der Canon EOS R hängt einerseits, wie auch bei Nikon, davon ab, wie die Adapter für die vorhandenen Objektive akzeptiert werden und welche Leistung mit den vorhandenen Objektiven erzielt werden kann. Andererseits machen diese Adapter es möglich, eine Canon EOS R als zusätzliches Gehäuse mit top-aktueller Technik und Ausstattung in eine bestehende EOS-Ausrüstung zu integrieren.

 

Preise (UVP) und Verfügbarkeit

EOS R Body … 2.499 €  …  ab 9. Oktober 2018
EOS R Body + RF 24-105 –3.499 € … ab 9. Oktober 2018
RF 4/24-105 mm L IS USM … 1.199 € … ab 9. Oktober 2018
Mount Adapter EF-EF-EOS R … 109 € …  ab 9. Oktober 2018
Control Ring Mount Adapter EF-EF-EOS R … 219 € … ab 9. Oktober 2018

RF 1,2/50mm L USM … 2.499 € … ab Ende Oktober 2018

RF 2/28-70mm L USM … 3.249 € … ab Dezember 2018
RF 1,8/35mm Macro IS STM … 549 € … ab Dezember 2018

Drop-In Filter Mount Adapter EF-EF-EOS R (V-ND) … 449 € … ab Februar 2019
Drop-In Filter Mount Adapter EF-EF-EOS R (C-PL) … 329 € … ab Februar 2019

 

Text © Herbert Kaspar

Bilder © Canon

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