Sigma Digitalkameras sind anders als andere. Das gilt auch wieder für die aktuellen spiegellosen Systemkameras. Die sd Quattro H haben wir in unterschiedlichen Bereichen ausprobiert. Dieses Mal geht es um Architektur-Fotografie mit dem Sigma 1,4/20 mm DG HSM | Art.

Architekturfotografie – das klingt langweilig. Das Motiv steht einfach nur da, und ändert sich nicht.

Das klingt logisch, ist aber nicht ganz richtig.

Natürlich bewegen sich Bauwerke – Bauhaus oder Barock, groß oder klein, privat oder öffentlich – nicht von der Stelle (obwohl man immer wieder in Berichten sehen kann, dass ganze Wohnhäuser auf einen Anhänger geladen und woanders hingebracht werden).

Aber auch wenn sie sich nicht bewegen, ändern sie sich für den Fotografen doch.

Da ist zum Ersten das Licht, das in der Frühe und ab spätem Nachmittag warm, über Mittag kühl ist (wir sprechen natürlich von der Farbtemperatur!). Da sich die Sonne während des Tages scheinbar über den Himmel bewegt, ändert sich der Einfallswinkel und damit, wie die Schatten fallen. Und wer sagt denn, dass das Licht von der Sonne kommen muss. Nachts werden manche Gebäude angestrahlt, bei anderen sind die Fenster erleuchtet, was natürlich besonders bei Hochhäusern in der Stadt etwas hermacht.

Da ist zum Zweiten das Wetter. Wenn man ein Gebäude bei Sonnenschein, im Nebel oder bei Regen fotografiert, ergeben sich Bilder mit absolut unterschiedlicher Wirkung.

Und da ist zum Dritten natürlich der Fotograf – denn er kann sich bewegen. Und das sollte er auch tun, wenn es um kreative Architekturbilder geht. Im spitzen Winkel von schräg rechts sieht ein Gebäude anders aus, als von „ein bisschen links“. Aus der Nähe kann man mit nach oben gerichteter Kamera stürzende Linien nutzen, um Höhe zu zeigen. Aus größeren Entfernungen kann man die Kamera gerade halten, stürzende Linien vermeiden und zu viel Vordergrund später wegschneiden. Die Datenmenge aus der Sigma sd Quattro H ist so groß, dass auch nach dem Beschnitt ein großes Bild ausgegeben werden kann (vielleicht mit einem leichten Panorama-Charakter, wenn nur unten geschnitten wurde). Gleichzeitig macht es ein größerer Abstand möglich, ein Gebäude in seiner Umgebung zu zeigen.

Architekturfotografie – das klingt langweilig. Architekturfotografie – das ist aber spannend.

Mein Motiv heute:  das Rote Schloss (eigentlich Kellerei-Schloss) in Hammelburg. An die Sigma sd Quattro H setze ich dafür das Sigma 1,4/20 mm DG HSM | Art, das eine Zeit lang das Objektiv mit der kürzesten Brennweite im Sigma-Programm war, diesen Platz aber an das 1,8/14 mm DG HSM | Art abgeben musste.

Sigma 20 mm ART

An einer Vollformatkamera hat das Objektiv einen Bildwinkel von 94,5°. Da die sd Quattro H einen APS-H-Sensor aufweist, kommt ein Crop-Faktor von 1,3x zum Tragen. Das 20er wirkt an dieser spiegellosen Systemkamera also wie ein 26-mm-Objektiv an einer Vollformatkamera. Das ist mir gar nicht so unrecht, da alles ein bisschen moderater zugeht, als mit „echten“ 20 mm.

Sehr wichtig für Architekturaufnahmen ist, dass das 20er für ein Objektiv dieser Brennweite eine sehr geringe tonnenförmige Verzeichnung aufweist. Da die Durchbiegung gerader Linien am Bildrand am stärksten ist, hat der 1,3er Crop den Vorteil, dass die am stärksten gekrümmten Linien außerhalb des aufgezeichneten Bildfeldes liegen.

Hinzu kommt, dass die Vignettierung bei Blende 2,8 und 5,6 ohnehin sehr gering ist, und dass die dunklen Ecken, die im Vollformat vielleicht sichtbar werden könnten, im kleineren APS-H-Bild nicht zur Geltung kommen. Ganz abgesehen davon, dass wegen der angestrebten großen Schärfenzone viele Aufnahmen bei Blende 8 oder auch Blende 11 entstehen. Und da ist von Vignettierung ohnehin nichts mehr zu sehen. (Andererseits ist auch reizvoll, Architekturbilder mit weit offener Blende zu machen, um die Schärfe auf bestimmte Details am Gebäude zu legen.

Sigma sd Quattro H

Bei allen Aufnahmen ist es wichtig, die Kamera gerade zu halten, bei Architekturaufnahmen ist es sehr wichtig. Daher habe ich bei der sd Quattro H ein Gitterraster und die Wasserwaage ins Sucherbild einblenden lassen. Beide Hilfsmittel können im ersten Menüpunkt des Einstellmenüs unter „Monitor Modus-Einstellungen“ aktiviert werden. Man kann sie auch im Sucher anzeigen lassen („Sucher Modus-Einstellungen“). 

Das 20er Art-Objektiv ist zwar schlank, aber lang und mit knapp einem Kilo nicht eben leicht. Um die Einstellarbeiten am Stativ zu erleichtern, schraube ich die 10 cm lange Arca Swiss-kompatible Schnellwechselplatte aus dem Angebot von Kaiser Fototechnik parallel zur optischen Achse ins Stativgewinde, und zwar so, dass sie nach vorn unter das Objektiv ragt.

Diese unorthodoxe Art der Verbindung von Kamera und Stativ macht es bequem möglich, die Kamera mit Objektiv in der Schwalbenschwanzführung vor und zurück zu schieben, bis der Schwerpunkt der Aufnahmeeinheit über dem Kugelkopf liegt. Der Kopf BH-30 ist zwar nicht groß, aber er und das Kaiser Tiltall TC-284 kommen mit den 1650 g der sd Quattro H und 1,4/20 mm sd Quattro H sehr gut zurecht.

Die sd-Quattro H verfügt zwar über einen Fernauslöseranschluss, aber immer noch nicht über den passenden Fernauslöser (Notizzettel machen: CR 31 bestellen). Also wird wieder der Selbstauslöser zum Einsatz kommen, um eventuell den beim Auslösen entstehdenen Schwingungen Zeit zu geben abzuklingen.

Die weiteren Einstellungen: Zeitautomatik nach Blendenvorwahl, ISO 100, Korrektur erst einmal -0,3 EV, um mehr Spielraum für Lichter zu bekommen, als Dateiformat entscheide ich mich dieses Mal für DNG. Dieses offene RAW-Format, das jeder Hersteller nutzen kann, wenn er es möchte, kann mit (vermutlich) allen RAW-Konvertern geöffnet werden und steht in der Sigma sd Quattro H neben der Sigma-eigenen RAW-Variante (und natürlich JPEG) zur Verfügung.

Nach diesen Vorbereitungen mache ich mich auf den Weg von der Redaktion zum Roten Schloss.

Alle Beispielsbilder werden nach einem Klick in voller Größe von 6192 x 4128 Pixel bzw. 100-%-Crop angezeigt. 

Hammelburg Kellerei Schloss

Dort angekommen suche ich erst einmal einen Platz, von dem aus die südwestliche Front umgeben von Bäumen ins Bild gerückt wird. Schon die Aufnahmen mit Blende 2 sind fabelhaft, aber mit Blende 8 bekomme ich die ganze Fassade in die Schärfe. Auf dem Rechner in der Redaktion sehe dann, dass selbst die feinen Drähte der Taubenabwehr vor dem Wappen aufgelöst werden.

Hammelburg Kellerei Schloss

Für die zweite Aufnahme steige ich die Stufen hinauf zum Vorplatz und wähle zunächst wieder eine dynamische Schrägsicht.

Wie schon bei den ersten Aufnahmen, erleichtert die längs angebrachte Schnellwechselplatte das Ausrichten der Sigma sd Quattro H. Dass die Sonne ein bisschen seitlich steht, ist kein Problem, da das 20 mm DG HSM | Art eine fest eingebaute Vier-Segment-Streulichtblende aufweist.

Sigma sd Quattro H

Die nächsten Aufnahmen sollen den mittleren Teil der Fassade frontal zeigen. Dafür ist die exakte Ausrichtung der Kamera noch wichtiger als vorher. Die aktivierte Wasserwaage hilft, die Kamera waagrecht auszurichten und zeigt (natürlich) dass die Sensorebene nicht senkrecht steht, sondern ein wenig nach hinten kippt.

Hammelburg Kellerei Schloss

Stürzende Linien sind die Folge, aber weiter zurück kann ich nicht.

Hammelburg Kellerei Schloss

Bei der Entwicklung der DNG-Datei in Kamera Adobe Camera RAW lassen sich die stürzenden Linien gut ausgleichen – allerdings geht das nur auf Kosten des Bildausschnitts.

Hammelburg Kellerei Schloss Nacht

Die ersten Aufnahmen wurden am späten Nachmittagen gemacht. Nach Einbruch der Dunkelheit mache ich mich noch einmal auf den Weg (das Tiltall TC-284 hat Carbon-Beine und wiegt freundicherweise nicht viel), finde den Standort vom Nachmittag ziemlich gut wieder – und kann nun ein rotes Schloss fotografieren, das ganz anders wirkt.

 

Sigma Digitalkameras und der Foveon-Sensor

Sigma ist in erster Linie Objektivhersteller und nimmt besonders mit den Objektiven der ART-Serie eine Spitzenstellung ein. Aber es sind auch Kameras im Angebot – die DSLR-Kamera SD1 Merrill, die Kompaktkameras dp0 Quattro, dp1 Quattro, dp2 Quattro und dp3 Quattro, von denen jede mit einem APS-C-großen Sensor und einer fest eingebauten Festbrennweite ausgestattet ist, und die spiegellosen Systemkameras sd Quattro mit einem Sensor im APS-C-Format (Crop-Faktor 1,5x) und sd Quattro H mit einem Sensor im APS-H-Format (Crop-Faktor 1,3x.)

Bei den Sensoren handelt es sich immer um Foveon X3 Direktbildsensoren. Sie zeichnen das Bild in drei Schichten auf, von denen die obere die blauen, die mittlere Schicht die grünen und die untere die roten Helligkeitsinformationen aufzeichnet (wie es auch bei Farbnegativfilmen der Fall ist).

Durch den Schichtaufbau wird für jeden Bildpunkt die vollständige RGB-Farbinformation erfasst – im Gegensatz zu anderen Sensoren, wo für jeden Bildpunkt nur eine Farbinformation (blau oder grün oder rot) aufgezeichnet wird und die beiden anderen aus Nachbarpixeln errechnet (interpoliert) werden.

Dieser Schichtaufbau kommt nicht nur einer hervorragenden Farbtreue zugute, sondern auch der Detailtreue, weil es nicht passieren kann, dass durch Interpolation feinste Details „vernuschelt“ werden.

Zur hohen Detailtreue trägt bei den Foveon X3 Sensoren auch bei, dass die obere Schicht 4x so viele Pixel aufweist, wie jede der darunterliegenden. Feinste Strukturen werden dadurch noch besser erfasst.

Diesen Vorteilen der Foveon-Sensoren, die wir in einem Test auch noch zeigen werden, stehen zwei Nachteile gegenüber. Die Schichtsensoren sind nicht schnell und ISO-Werte jenseits der 400 sollte man meiden und wann immer es geht mit ISO 100 arbeiten.

Daraus folgt: Keine der Sigma Kameras ist ein Allrounder – aber wenn es um die Farbwiedergabe und das Auflösungsvermögen geht, sind sie ganz ganz vorne mit dabei. Die sd Quattro H, um die es in unserer kleinen Serie  geht, liegt in diesen Belangen (!) auf einer Höhe mit hochauflösenden Vollformatkameras wie der Canon EOS 5DS R.

 

Text und alle Bilder (c) Herbert Kaspar

 

Weiterführende Links

Folge 1 – Sigma sd Quattro H mit Sigma 1,4/35 mm DG HSM | Art

Folge 2 – Sigma sd Quattro H mit Sigma 1,4/50 mm DG HSM | Art

Die Sigma Art Objektiv für Vollformatkameras in der Praxis

 

 

 

 

Über den Autor

Herbert ist der Chefredakteur von d-pixx und d-pixx.de.