Um es vorwegzunehmen: Die Fujifilm X half sieht aus wie eine schnuckelige Digital-Kompaktkamera und fühlt sich auch so an … aber ist das nicht. Sie ist ein besonderes Modell für besondere Aufnahmen, und genau das ist es, was richtig Spaß macht!

Jahrzehnte war das Kleinbildformat 36 x 24 mm das Standardformat für Amateure und Profis. 36 Aufnahmen waren die Standardlänge für einen KB-Film und wenn man beim Filmeinlegen sehr sparsam war, konnten es auch mal 37 Bilder werden. (12er und 24er Filme gab es auch, aber sie waren nicht so verbreitet, noch seltener 72er – ich erinnere mich nur an den Ilford HP5.)

Immer wieder gab es Bestrebungen, mehr Bilder auf einem KB-Film unterzubringen. Ergebnis war das Halbformat mit 18 x 24 mm großen Negativen oder Dias, die im Hochformat ausgerichtet waren. Eine der bekanntesten Kameras war die Olympus PEN F, aber auch andere Hersteller wie Canon, Konica, Minolta, Welta oder Yashica waren zur Hochzeit des Halbformats in den 1960er Jahren mit entsprechenden Modellen auf dem Markt.

Daran knüpft Fujifilm mit der X half an. Von der Sensorgröße sind die anderen Fujifilm X Modelle mit ihren 23,5 x 16,5 mm großen APS-C-Chips näher am alten Halbformat – aber der Sensor der X half ist wie damals vertikal ausgerichtet (was viele Smartphone-Fotografinnen und -Fotografen ansprechen dürfte, die meistens auch das Hochformat nutzen).

Gehäuse und Ausstattung

Beim Sensor der X half handelt es sich um einen 1“-Typ, der 13,3 mm hoch und 8,8 mm breit ist. 

Die Heimat des Sensors ist ein kleines Gehäuse, das ausgesprochen gut designt ist – schnuckelig, hübsch, ansprechend fällt einem für die Beschreibung ein. Die linke Seite ist gerade, wie bei einer X100, die rechte à la Leica abgerundet. Ein Handgriff fehlt, aber verblüffenderweise kann man die Kamera dank der griffigen Belederung gut halten.

Mit rund 106 x 65 x 46 mm und einem Gewicht von rund 240 g inkl. Akku und SD-Karte ist die Kamera wirklich jacken- und hosentaschentauglich. Wenn sich Akku und Speicherkärtchen ein Fach im Boden teilen, meckere ich das gern an – nicht aber bei diesen Dimensionen.

Diese Dimensionen sorgen auch dafür, dass die X half mit wenigen Einstellelementen auskommt. Dass dazu ein Fokusring und ein Blendenring …… am kleinen Weitwinkelobjektiv gehören, ist überaus lobenswert, zumal sich beide hervorragend bedienen lassen.

Auf der rechten Oberseite sitzt eine Kombination aus gleich vier der wenigen Einstellelemente. Das größte ist das Korrekturfaktoren-Einstellrad (± 3 EV). In seiner Mitte liegt der Auslöser. Ob die kleine Öffnung in der Mitte einen Fern- oder Drahtauslöser aufnehmen soll, lässt sich der Gebrauchsanleitung nicht entnehmen.

Unter dem Rad schaut der Hauptschalter hervor, der zwar klein ist aber schnelle Aufnahmebereitschaft möglich macht. Und nach hinten ergänzt ein Hebel die Vierergruppe, der an einen Schnellschalthebel erinnert (die Älteren erinnern sich, jüngere Leserinnen und Leser fragen ihre Eltern oder Großeltern), aber tatsächlich eine ähnliche Funktion hat (dazu später mehr).

Auf der Rückwand sind der Umschalter zwischen Foto und Video und die Wiedergabe-Taste untergebracht.

Auf der linken Schmalseite sitzen der USB-C-Anschluss (2.0), über den, wie sollte es auch anders sein, der Akku geladen werden muss, und der Schalter für den LED-„Blitz“. Er ist winzig, leuchtet aber mit großer Blende und hoher Empfindlichkeit bis zu gut 4 m weit. Dass das frontale Licht nicht schön ist, muss nicht eigens erwähnt werden. Im Videomodus leuchtet die LED stetig.

Wer mehr künstliches Licht möchte, kann eine LED-Leuchte in den Zubehörschuh schieben, der keinerlei Kontakte aufweist.

In der Mitte der Rückwand sitzt der aufs Halbformat abgestimmte schmalhohe Touchscreen Monitor, der mit einer Diagonalen von 2,4“ und rund 920 K RGB-Dots eher mickrig daherkommt, aber für den Einsatz der X half gut reicht. Er ist fest eingebaut. Daneben gibt es noch ein schmaleres Display, das an das Filmfenster einer SLR erinnert (die Älteren erinnern sich, Jüngere … siehe oben.)

Obwohl ich es nicht gern mache, habe ich den Monitor oft als Sucher verwendet. Hier werden alle nötigen Infos und Hilfen (wichtig für mich: die 2D-Wasserwaage) angezeigt.

Nichts davon ist im Sucher zu sehen, denn es handelt sich um einen optischen Sucher (umgekehrter Galilei-Sucher). Er zeigt laut Fujifilm das Motiv zu 90 %, ausreichend um das Bild einigermaßen ordentlich komponieren zu können.

Der Monitor als Steuerelement

Der Monitor ist das zentrale Steuerelemente der X half, ein wenig unterstützt vom kleinen Display daneben.

Nach dem Einschalten der Kamera erscheint auf dem großen Monitor das Bild und auf dem kleinen Monitor wird die aktive Filmsimulation angezeigt – ebenso, wie man früher durch das Fenster einen Blick auf die eingelegte Filmpatrone werfen konnte.

 

Nun wird es am Anfang etwas unübersichtlich, aber mit ein bisschen Übung kommt man mit der Bedienung via Monitor zurecht. Man muss sich nur merken, in welche Richtung man über den Monitor wischen muss, um das passende große Menü anzeigt zu bekommen, zu dem dann noch Unterpunkte im Filmfenster angezeigt werden.

Wischen nach oben > Schnellmenü.

Hier lassen sich die wichtigsten Aufnahmeparameter direkt verändern, darunter Belichtungsmodus, Bildgröße, AF-/Fokusmodus, Gesichts-/Augenerkennung, Selbstauslöser, Weißabgleich und – was für die Bildwirkung eine wichtige Rolle spielen kann – Körnung.

Wischen nach links > Einstellungsmenü.

Es ist in sieben Bereiche gegliedert, die man im Filmfenster aufrufen kann: Aufnahme-Einstellung, Film-Einstellung, Bildqualität-Einstellung, AF/MF-Einstellung, Audio-Einstellung, Einrichtung sowie Netzwerk/USB-Einstellung. In diesen Bereichen befinden sich auch weiterführende Funktionen – etwa ISO, Belichtungsmessung und Verschlusstyp, Filmsimulationen und Bildeffekte, Autofokus- und Motiverkennung, Datums-/ Uhrzeiteinstellungen oder die Verbindung zu Smartphone und USB-Geräten.

Wischen nach rechts > Direkter Zugriff auf Filmsimulationen und Filter.

Im Filmfenster lassen sich die jeweilige Filmsimulation,  beziehungsweise der ausgewählte Filter durchblättern und verändern.

Ein Wischen nach unten führt zu den Sonderfunktionen.

Hier finden sich die Verbindung mit der X half App und der Filmkamera-Modus.

Eckdaten

Ehe wir auf die Funktionen schauen, mit denen sich die X half bei all jenen beliebt macht, die sich als verspielt, nostalgisch angehaucht oder verspielte Nostalgiker verstehen (und bei einigen anderen auch), ein kurzer Blick auch auf die technischen Basics.

Der 1“ CMOS-Sensor bietet eine Auflösung von 18 MPix (maximal 3648 x 4864 Pixel). Es lassen sich Empfindlichkeiten von ISO 200 bis 12.800 einstellen. Die Belichtung wird per Matrixmessung in 256 Feldern bestimmt und für die Belichtungssteuerung stehen die PASM-Modi zur Wahl. Der Verschlusszeitenbereich geht im Automatikmodus von 1/2000 Sek. bis 30 Sek., im Manuellbetrieb sogar bis 900 Sek. Für den Weißabgleich gibt es eine Automatik, sieben Voreinstellungen und die Möglichkeit, Farbtemperaturen von 2500 K bis 10.000 K zu wählen. Der Kontrast-AF bietet Gesichts- und Augenerkennung.

Als Objektiv ist ein (jetzt kommt ein langer Name) Fujinon Aspherical Lens Super EBS f=10,8mm 1:2,8 fest verbaut. Die kleinste Blende ist 11. Der Bildwinkel entspricht einem 32-mm-Weitwinkel [@KB]. Der Stülp-Objektivdeckel ist mit einem Faden unverlierbar, aber durch das Gebaumel störend mit der Kamera verbunden. Ich habe ihn entfernt und den Deckel nicht verloren.

Weiteres: Man kann übers Smartphone GPS-Daten speichern, man kann Videos mit einer Auflösung von 1080 x 1440 Pixeln und mit Stereoton aufnehmen, Bluetooth und WLAN stehen zur Verfügung. Was fehlt ist ein Stabilisator, aber das ist aufgrund der geringen Abmessungen wohl nicht anders zu lösen … und weil es keine langen Brennweiten gibt, ist das auch nicht so schlimm.

Filmsimulationen und Filter

Hinweis: Und die Wirkung von Filmsimulationen und Filtern zu zeigen, wurden an einer Reprosäule von Kaiser Fototechnik Ausdrucke älterer Digitalfotos aufgenommen! 

Dass eine Fujifilm X Filmsimulationen bietet, ist klar. Bei der X half sind es Provia, Velvia, Astia, Classic Chrome, Reala Ace, Classic Negativ, Nostalgic Negativ, Eterna, Acros (sowohl als Standard Variante wie auch mit Rot-/Gelb-/Grünfilter eine hervorragende Möglichkeit, ausdrucksstarke S/W-Bilder zu machen) und Sepia.

Hier drei Beispiele.

Provia – der Standard-Allrounder mit einer natürlich wirkenden Sättigung und ausgewogenen Kontrasten.

 

Reala ACE für satte aber natürliche Farben. 

Eterna mit einer leichten Farbverschiebung für einen gewissen Kinoeffekt. Kontrast und Farbsättigung sind eher gedämpft, Schatten werden gut durchgezeichnet.

Acros für präzise Umsetzung der Farben in Graustufen – hier kombiniert mit Rotfilter. Es stehen auch Gelb- und Grünfilter zur Wahl.

Dazu kommen 19 Filter, von denen mir einige positiv auffielen, als wir die Hybridkamera (Sofortbild plus Digital) Instax Mini Evo während des Workshops an der Kampenwand ausprobierten. Darunter sind:

Spiegel. Wie der Name sagt, wird das Bild in zwei gespiegelte Hälften geteilt.

Lichthof. Farbsäume, wie sie durch schlechte Objektive hervorgerufen werden können und dabei definitiv nicht für gut befunden werden, hier aber für einen Hoppla-Effekt sorgen.

Dynamischer Effekt. Starke Kontraste und kräftige Farben lassen es krachen.

Abgelaufener Film. Geringer Kontrast. Die Farben wahlweise neutral oder mit Farbstich, hier rot.

Andere, wie High-Key und Low-Key (für mich wichtig), Soft Focus (für mich interessant) oder Toy Camera und Partial Color (für mich überflüssig, weil mittlerweile ausgelutscht) kennt man aus vielen anderen Modellen der X Serie.

 

In diesem Zusammenhang: Die Filmsimulationen lassen sich hervorragend einstellen, die Filter mit ihren kleinen Icons im Filmfenster-Display nicht immer. Immer wieder werden beim Scrollen ein oder zwei übersprungen.

Filmkamera-Funktion

Und nun zu der Funktion, die für mich den Ausschlag für eine Kaufentscheidung geben würde: der Filmkamera-Modus.

Wenn man ihn einstellt, ist er so lange aktiv, bis man das Speicherkärtchen oder den Akku aus der Kamera nimmt – also keine Spielerei für schnell mal zwischendurch.

Im Zug der Ersteinrichtung kann man zwischen 36, 54 oder 72 Aufnahmen wählen, zwischen Programmautomatik und Blendenvorwahl umschalten und den Datumsstempel ein oder ausschalten. Er wird schön retromäßig aus 7-Segment-LEDs gebildet, wie damals, als die ersten Kompaktkameras so etwas boten.

Der „eingelegte“ Film kann nicht gewechselt werden!

Nach dem Starten der Funktion erhält man die wesentlichen Aufnahme-Informationen, kann nochmal die Datums-Einbelichtung abschalten und zwischen AF und MF wechseln. Entscheidet man sich fürs manuelle Fokussieren, sieht man auf einer Skala, welche Entfernung man am Fokusring des Objektivs eingestellt hat (Daumen mal Pi reicht eigentlich, da die Kombination aus kurzer Brennweite und kleinem Sensor eine große Schärfenzone mit sich bringt, aber man muss doch wieder trainieren, Entfernungen zu schätzen).

Sonst sieht man nichts … auch nicht nach der Aufnahme!

Man fühlt sich in die Zeit zurückversetzt, in der man einen Film belichtet und zum Entwickeln geschickt hat, um dann gespannt zu warten, ob die Bilder „was geworden“ sind. (Manche verkürzten das, indem sie das Badezimmer blockierten und dort Filme selbst entwickelten und die Bilder selbst vergrößerten).

In diesem Zusammenhang nicht zu vergessen: Nur wenn man nach der Aufnahme den Schnellschalthebel betätigt, kann man das nächste Bild machen! Allerdings kommt es immer mal wieder vor, dass man den Hebel nicht so bewegt, wie die Kamera es erwartet, und die nächste Aufnahme nicht möglich ist.

Im Filmkamera-Modus ist auch die Wiedergabe-Taste außer Betrieb. Das heißt: Erst wenn der Film belichtet ist, sieht man, was man aufgenommen hat.

In diesen Zusammenhang gehört auch, dass im JPEG-Format gespeichert wird – RAW entfällt. Das passt zur Retro-Abstimmung. Mit Dia-Film war (ist) gar keine Nachbearbeitung möglich, mit Negativfilm nur mit einigem Aufwand!

Für die Betrachtung der Bilder ist vorgesehen, dass man die X half App aufs Smartphone lädt, wo die Bilder als Filmrolle oder Kontaktbogen dargestellt werden und wo man rudimentäre Bildbearbeitung vornehmen kann, z. B. zwei Bilder zu einem zusammenfügen.

Ich schaue aber nun mal Fotos lieber auf meinem großen kalibrierten Monitor an. Auch das ging – ich musste sie nur erst finden. Die Filmrollenbilder lagen auf der SD-Karte nicht im DCIM-Ordner, sondern gesondert in einem Ordner mit dem Namen FPATR. Und da war dann, ganz wie früher, die Freude über die gelungenen Bilder groß. 

Prädikat für die Filmkamera-Funktion: Nostalgie pur! Super! Alle Daumen hoch! Alle, die sich in den 70er Jahren (oder so) mit dem Foto-Virus infiziert haben, werden sie genießen – und danach die Vorteile einer aktuellen Kamera auch!

Aus Zwei mach Eins

Man kann mit der X half, wie im Abschnitt über die Filmsimulationen schon zu sehen, ganz normale Bilder machen, im Hochformat.

Und wenn man möchte, kann man zwei Bilder zu einem zusammensetzen, wobei man im Menü festlegen kann, ob der Trennstrich zwischen den Hälften schwarz oder weiß sein soll. Diese Funktion aktiviert man nach einer Aufnahme durch einen Schwung des Schnellschalthebels. 

Die beiden Aufnahmen werden auch einzeln gespeichert.

Alles in allem

Die Abbildungsleistung der X half ist sehr gut, kommt aber nicht an die einer X100 VI heran, der Autofokus ist sicher, aber eher langsam und die Kombination aus optischem Sucher und kleinem Monitor ist nicht mit dem EVF und dem Monitor einer anderen X auf einem Level. Aber (sehr wichtiges aber): das war bei der Entwicklung der X half auch gar nicht das Ziel. Die X half sollte eine Kamera werden, die Spaß macht, zum Spielen einlädt und ältere Fotografinnen und Fotografen in ihre fotografische Jugend zurückversetzt. Und das ist sowas von gelungen …

Als Begleitung für jede „große“ Kamera auf jeden Fall sehr zu empfehlen.

Viel Spaß!

 

TEXT UND ALLE BILDER © HERBERT KASPAR

ES IST UNTERSAGT, HIER GEZEIGTE BILDER FÜR DAS TRAINING VON KI ZU VERWENDEN.

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