2024 wurde RED, Hersteller hochwertiger Profi-Videokameras von Nikon übernommen. Die Nikon ZR ist die erste DSLM von Nikon, in die viel Wissen von RED eingeflossen ist.
Die Nikon ZR ist eine Vollformat-DSLM im Design einer klassischen Messsucherkamera (das 2004 von der Olympus E-300 wiederentdeckt und damals bei Fans des SLR-Designs viel Widerspruch erntete).
Mit ihren Abmessungen von 134 x 81 x 49 mm liegt sie in der Klasse einer Nikon Z5II und ist etwas kleiner als eine Z6III.
Die Gesamthöhe ist etwas geringer, weil ein Sucheraufbau fehlt – um genau zu sein: es gibt gar keinen Sucher, auch nicht in der linken oberen Ecke (von hinten gesehen), wo man ihn beim Flachdach-Design vermuten würde.
Die ZR ist auch nicht so tief wie die Z5II, weil sie statt eines gut ausgeformten nur einen angedeuteten flachen Handgriff aufweist.
Kein Sucher, kein Handgriff? Das hat sehr viel mit der Ausrichtung der Nikon ZR zu tun. Sie hat zwar als Fotoapparat sehr viel zu bieten, praktisch genauso viel wie die Nikon Z6III, ist aber sehr stark auf den Einsatz im Videosektor ausgerichtet. Dort ist ein EVF nicht nötig, denn als Sucher kommt der Rückwandmonitor (dazu weiter unten mehr) oder ein externer Monitor zum Einsatz, und auf einen Handgriff kann man verzichten, wenn die Kamera in einem Rig oder auf einem Gimbal zum Einsatz kommt.
Die Abstimmung Richtung Video wird zum einen durch die Bezeichnung Z CINEMA deutlich, die allerdings eher versteckt links oben auf der Rückwand zu finden ist.
Und auch die Logos auf der Außenseite des Rückwandmonitors stellen den Kontakt zur Video-Welt her: Nikon | RED. Auch im Namen ZR soll das s R für RED stehen.
Seit der Nikon D90, die 2008 als erste Spiegelreflexkamera eine echte Videofunktion mit HD-Auflösung bot (allerdings kurz darauf von der Canon EOS 5D Mark II mit Full-HD überboten wurde), ist Video in Nikon Kameras zuhause. Am deutlichsten ausgeprägt war das bisher in der Nikon Z30.
Während die Z30 aber eher mit Schwerpunkt Vlogging zu sehen ist, ist die ZR nun eine Kamera, die auch auf große Video-Produktionen abgestimmt ist. Damit erfüllt sie die Wünsche vieler videoaffiner Nikon Fans, die seit der Übernahme von RED darauf gewartet haben. Ein speziell auf Video abgestimmtes Objektiv gibt es schon länger, das Nikkor Z 28-135mm f/4 PZ – ein Allroundzoom mit Zoommotor.
Nun ist Video für mich keine große Sache – ich bin seit mehr als einem halben Jahrhundert Foto-verrückt (sonst gäbe es die d-pixx foto als Zeitschrift und ePaper nicht und auch nicht diese Homepage). Aber in der Nikon ZR steckt neben der Videokamera auch eine ausgewachsene Fotokamera – praktisch eine komplette Nikon Z6III – zu einem Mehrpreis von aktuell rund 60 € (um 2350 € gegen 2290 € auf idealo.de | KW 14). Das bringt mich dazu, über meinen Schatten zu springen und ein paar Mal mit einer ZR für den Praxistest loszuziehen. Als Objektive kommen das exzellente Nikkor Z 24-70mm f/2,8 S II und das hervorragende Nikkor Z 24-105mm f/4-7,1 mit auf die Fotospaziergänge.
Bei den Basiseinstellungen bin ich konservativ.
Unter Dateityp wähle ich H.265 10 Bit, um die größere Farbtiefe zu nutzen. Insgesamt stehen von H.264 8 Bit (MP4) und H.265 8 Bit (MOV bis N-RAW 12 Bit (NEV) und R3D NE 12 Bit (R3D) sieben Einstellungen zur Wahl.
Unter Bildgröße/Bildrate entscheide ich mich meist für 4K 50p. Nur ab und zu kommt auch mal Full-HD 200p für Zeitlupen ins Spiel. Natürlich ist die Auswahl sehr viel größer – bis hin zu RAW-Videos mit 6K 60p (6048 x 3402 Pixel).
Sehr schön dabei: Der Vollformatsensor hinter dem großen Z-Bajonett wird fast immer ausgenutzt – und damit der Bildwinkel des Objektivs. Erst bei hohen Bildfrequenzen wird auf das DX-Format (so heißt APS-C bei Nikon) umgeschaltet und es kommt der 1,5x-Crop-Faktor in Spiel.
Für die Tonaufnahme verlasse ich mich auf die integrierten Stereomikrofone links und rechts vom Zubehörschuh.
Der Ton, den die Bord-Mikrofone bieten, ist schon hervorragend – klar und sauber. Wem das noch nicht reicht, kann externe Mikrophone über den Multifunktions-Hot-Shoe und über die Buchse auf der linken Schmalseite anschließen.
Dort ist unter derselben Gummiflappe – ich mag echte Türchen immer noch lieber – der Kopfhöreranschluss zu finden. (Unter einer zweiten Flappe liegen ein USB-C-Anschluss, über den der Akku geladen wird, und ein microHDMI-Anschluss.)
Die Filmchen, wie ich sie aufnehme, überzeugen mich mit ihrer Qualität, und ich gehe davon aus, dass es mit den RAW-Modi noch besser geht.
Mit dem Nikkor Z 24-70mm f/2,8 S II gelingen knackscharfe Aufnahmen. Nur sehr selten kommt es bei Schwenks vor, dass der Autofokus ein Blinzeln lang braucht, um die Schärfe auf ein näheres oder weiter entferntes Objekt einzustellen. In den allermeisten Fällen klebt die Schärfe an Objekten, die sich bewegten.
Im Videomodus stehen bis zu 253 AF-Messfelder zur Verfügung – im Fotomodus sind es bis 299. Man kann alle nutzen oder unterschiedlich große Cluster aktivieren. Aber es geht auch kleiner, bis hin zur feinen Nadelspitze, um etwa durch eine kleine Lücke im Vordergrund hindurch auf ein Objekt im Hintergrund zu fokussieren.
Der Autofokus arbeitet, wenn man möchte, mit automatischer Motiverkennung und Voreinstellungen für Menschen, Tiere, Vögel, Fahrzeuge und Flugzeuge und macht seine Sache sehr gut.
Sehr gut funktioniert auch der Modus für Produktprüfungen. Die Kamera stellt auf das Produkt scharf und lässt die Person dahinter in Unschärfe verschwimmen. Das ist nicht neu, aber praktisch.
Zu den scharfen Aufnahmen trägt auch der Bildstabilisator seinen großen Teil bei – mit dem Z Nikkor 24-105mm f/4-7,1 gelingen mir bei längster Brennweite ruhige Freihandvideos und bis zur 1/2 Sek. unverwackelte Freihandaufnahmen.
Dass Video nicht wirklich mein Ding ist, wurde schon angesprochen, und in der Folge kommen in meinem Praxistest etliche Features, an denen echte Videofans sicher sehr viel Freude haben, nicht zum Einsatz. Dazu gehört die Möglichkeit RAW-Videos aufzunehmen. Zur Wahl stehen Apple ProRes RAW, Nikon N-RAW und Red RAW. Es entfallen auch Aufnahmen im HLG-Modus, der mit einem Basis-ISO-Wort von 400 bessere Kontraste bringen soll, und mit LUTs, die Filmen einen besonderen Look verleihen. Auch die verschiedenen Möglichkeiten, Mikrofon und Ton zu steuern, kommen nicht zum Tragen.
Den roten Rahmen ums Bildfeld, der eine laufende Aufnahme anzeigt, nutze ich gern, das Zebramuster, das vor ausfressenden Lichtern warnt, eher nicht. Er irritiert mich – aber das geht anderen sicher anders.
Um die Bildwirkung zu ändern, stehen nicht nur die angesprochenen LUTs zur Verfügung, sondern auch …
… die 10 Einstellungen der Picture Control, u. a. Landschaft, Flach für mehr Möglichkeiten bei der Nachbearbeitung und drei Monochrome-Varianten). Dazu kommen noch 20 Einstellungen der Creative Picture Control mit Bezeichnungen wie Traum, Morgen, Sonntag oder Verblichen. Für Graustufenaufnahmen gibt es Holzkohle und Graphit, und mit Binär entstehen Bilder, die nur Schwarz und Weiß zeigen. Alle diese Einstellungen lassen sich feintunen, damit sie genau dem eigenen Geschmack entsprechen.
Picture Control und Creative Picture Control kennt man aus Kameras wie der Nikon Z5II und Z6III.
Die Z6III ist auch in vielen anderen Details die Kamera des Nikon Z-Programms, auf der die ZR aufbaut.
In beiden Modellen arbeiten der teilweise gestapelte 24-MPix-Sensor und als Bildprozessor der Expeed 7 zusammen.
24 MPix sind im Fotobereich längst kein Höchstwert mehr, aber immer noch genug für Bilder im Format von mindestens 51 x 34 cm, wenn man eine Druckauflösung von 300 ppi zugrunde legt, wie wir sie für die Printausgabe der d-pixx foto brauchen, die aus geringem Abstand betrachtet wird. Bilder an der Wand werden aus viel größerem Abstand angeschaut und können entsprechend größer ausfallen!
Im Videobereich sind die 6048 x 4032 Pixel optimal, um bis 6K aufzunehmen.
Für den Sensor lassen sich Empfindlichkeiten von ISO 100 bis ISO 51.200 einstellen – erweitert sogar von ISO 50 bis ISO 204.800.
Die ZR bietet ein ausgezeichnetes Rauschverhalten und Werte bis ISO 6400 können sehr gut genutzt werden. Bis ISO 51.200 nimmt das Grisseln dann zu und ist in RAW-Dateien gut zu sehen – in JPEGs aus der Kamera ist es aber schon deutlich reduziert. Die Entwicklung der RAW-Bilder in DxO PureRAW sorgt für noch sauberere Bilder, in denen feinste Details aber weichgezeichnet erscheinen. Die Höchstwerte klingen zwar beeindruckend (wenn auch nicht so beeindruckend wie die ISO 3.280.000 der Nikon D5 von 2016), sollten jedoch nur wirklichen Ausnahmefällen vorbehalten sein.
Beim Verschluss unterscheiden sich die ZR und die Z6III. Die ZR verzichtet auf einen mechanischen Verschluss. Mit dem elektronischen Verschluss sind Belichtungszeiten von 1/16.000 bis 900 Sekunden möglich
Im Serienbildmodus schafft die ZR in voller Auflösung und mit Belichtungs- und Schärfennachführung bis 20 B/Sek. Die maximale Bildfrequenz für Fotos liegt bei 120 B/Sek., dann aber mir Crop.
Das alles steckt in einem Gehäuse, das sich, wie bereits angesprochen, deutlich von dem einer Nikon Z5II bis Nikon Z9 unterscheidet – nicht nur in der Form, sondern auch in der Bedienung,
Gleich ist allen, dass sie dank des verwendeten hochfesten Kunststoffs sehr robust wirken und gegen Staub und Feuchtigkeit abgedichtet sind.
Der Auslöser auf der oberen rechten Seite ist nicht vom Hauptschalter umgeben, sondern von einer Zoomwippe, mit der man Motorzooms verstellen und bei Aufnahme und Wiedergabe ins Bild zoomen kann. Es gibt nur diesen einen Auslöser.Der Hauptschalter sitzt links und zeigt durch einen freundlich grün leuchtenden Ring an, dass die ZR eingeschaltet ist,
Auf der rechten Seite sitzt der Umschalter PHOTO/VIDEO vor drei Tasten. Die Grundeinstellungen sind
DISP – schneller Wechsel der Anzeige auf dem Monitor
MODE – ersetzt das Betriebsartenwählrad, wie schon bei den Profi-SLRs ab der Nikon D1
[±] – Wahl eines Korrekturfaktors
Die Bezeichnungen stehen vor den Tasten, sie selbst sind, typisch für Videokameras, mit den Zahlen 1, 2 und 3 markiert.
Beschriftung und Nummer – ist das nicht doppelt gemoppelt? Nein. Wenn man die Funktionen ändert, kann man sich leichter merken, dass etwa AF-ON nun auf 1 liegt, statt sich zu merken, dass DISP nun nicht mehr DISP ist. Noch wichtiger ist das, wenn die ZR in einen größeren Aufbau eingebunden ist, etwa mit anderen Kameras von RED. Dann liegt bei allen dieselbe Funktion auf der 1 und es gibt kein Kuddelmuddel.
Mit dem Zeigefinger und dem Daumen der rechten Hand lassen sich zwei Einstellräder erreichen, mit dem Daumen auch der Knubbel-Joystick, mit dem das AF-Messfeld positionieren und durch die Menüs navigieren kann.
Der Joystick ist für mich auch wichtig, um eine der Picture Control / Creative Picture Control-Einstellungen zu wählen. Das geht auch über der Touch-Screen – gerät mir aber jedes Mal zur Lotterie. Mit dem Joystick kann ich das gewünschte Icon schnell und sicher ansteuern.
Von den anderen Z-Modellen ist man es gewohnt, das Hauptmenü über die [MENU]-Taste und das Quick-Menü über die [i]-Taste aufzurufen. Die ZR bietet nur eine Taste, die mit drei waagrechten Strichen gekennzeichnet ist. Mit ihr gelangt man ins Quick-Menü, wo man das MENU-Icon anklickt, um ins Hauptmenü zu gelangen.
Das Hauptmenü ist typisch für Nikon. Es bietet sehr viele Einstellmöglichkeiten für Foto und Video, die man mit fleißigem Scrollen erreicht.
Als Sucher, Info-Zentrum und Steuerzentrale dient der Rückwandmonitor.
Dass die ZR keinen Sucher bietet ist, wie gesagt, der Video-Ausrichtung geschuldet. Während ich das Fehlen eines Suchers eigentlich gar nicht mag und schimpfe, bin ich bei der ZR mal nicht so streng.
Grund dafür ist die Ausführung des Monitors. Er bietet mit einer Diagonalen von 4“ und einer Auflösung von 3,07 Mio. RGB-Dots ein hervorragendes Sucherbild. Dazu kommt, dass man mit der Display-Taste sehr schnell die Anzeige wechseln kann. So lassen sich blitzschnell alle Informationen ausblenden, wenn man sich aufs Motiv konzentrieren möchte.
Der Monitor lässt sich bis 180° nach links neben das Gehäuse schwenken und um die Längsachse drehen. Man hat also immer einen guten Blick aufs Sucherbild – auch bei den für diese Kamera so wichtigen Selfies.
Der Touchscreen bietet ein Seitenverhältnis von 16:10. Das heißt, dass bei Fotos im typischen KB-Seitenverhältnis 3:2 nicht die ganze Breite und bei Videos im 16:9 Format nicht die ganze Höhe ausgenutzt wird. Aber das „Sucherbild“ ist in jedem Fall sehr groß. Dass das Display den Farbraum DCI-P3 darstellen kann, ist besonders für professionelle Videoproduktionen von Interesse. Dass er sehr hell ist, kommt allen zugute – egal ob es um Video oder Fotoproduktionen geht.
Genau diesen Monitor wünsche ich mir für die nächste Nikon-Generation (Z5 III oder Z6 IV) – auch wenn das bedeutet, dass rechts davon nicht viel Platz für Einstellelemente ist. Aber da könnte man sicher noch etwas tun …
Um 6K-Video und schnelle Fotoserien umsetzen zu können, setzt die ZR auf CFexpress Typ B / XQD-Karten. Der Slot ist (warum denn nur?) im Fach für den Akku mit unterbracht, wie auch ein putzig kleiner Slot, der micro SD Karten (SDXC) aufnimmt. Im Praxistest konnte eine SanDisk Extreme PRO 256 GB (CFexpress Typ B) beweisen, dass sie die anfallenden Datenmengen bestens bewältigt.
Alles in allem Die Nikon ZR ist eine hervorragende Hybrid-Kamera. Wenn der Schwerpunkt auf Foto liegt, sind (für mich) in der 24-MPix-Klasse von Nikon die Z5II und Z6III immer noch die erste Wahl. Sobald aber Foto und Video das gleiche Gewicht haben oder Video sogar überwiegt und sofern man auf einen EVF und einen gut ausgeformten Handgriff verzichten kann, hat die ZR die Nase vorn.
BEWERTUNG FÜR NIKON ZR
GUT – SEHR GUT – HERVORRAGEND – HERVORRAGEND PLUS – HERVORRAGEND DOPPEL-PLUS – EXZELLENT
TEXT © HERBERT KASPAR
PRODUKTBILDER © HERBERT KASPAR
PRAXISBILDER
Ein Klick auf eines der Praxisbilder bringt es mit einer Länge von 1800 Pixeln über die lange Seite auf Ihren Bildschirm. Die Bildgröße wurde im aktuellen Adobe Photoshop reduziert.
Die RAW-Dateien wurden in der aktuellen Version von Adobe Camera RAW entwickelt.
Die Originalbilder aus der Nikon ZR sind 6048 x 4032 Pixel groß. Das entspricht bei einer Druckauflösung von 300 ppi einer Größe von 512 x 341 mm.
Beachten Sie bitte, dass die Bildqualität, besonders die Farbwiedergabe, auch von den Einstellungen Ihres Monitors abhängt!













PRAXISBILDER © HERBERT KASPAR









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