Gegen den Strich gebürstet: Tele

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Bestimmte Objektivtypen werden gern mit bestimmten Motivbereichen in Verbindung gebracht. Weitwinkel? Ab in die Landschaft oder zur Architektur! Tele? Braucht man für Sport, Action, Tiere! Aber es geht auch anders. Schauen wir heute mal auf die langen Brennweite.

Tier- und Sportfotografen sind in der Tat auf lange Brennweiten angewiesen – und zwar auf wirklich lange. 300 mm [@KB] sind für die Anfang ganz ok, aber auf einer Fotosafari oder in einem großen Stadion gilt: je länger, desto besser.

Aber die langen Telebrennweiten sind viel vielseitiger, als man denkt. Natürlich heißt es, dass Brennweiten zwischen 80 mm oder 100 mm [@KB] ideal für Porträts geeignet seien. Das stimmt auch, heißt aber nicht, dass man längere Brennweiten zwischen 200 mm und 400 mm nicht für Porträts nutzen kann.

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Die Brennweite von rund 180 mm [@KB] sorgt dafür, dass das Porträt schön freigestellt wird. Das Gesicht wird von der „flachen Perspektive“ nicht beeinträchtigt …
Location: Ein paar Kilometer vor dem Mount Kenya.
Besonders bei Aufnahmen im Profil oder Halbprofil macht sich die raffende Wirkung, die so genannte Teleperspektive nicht oder nur sehr wenig störend bemerkbar.

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… und auch bei diesem Bild, das mit rund 250 mm Brennweite[@KB] und Blende 5 aufgenommen wurde, ist die „flache Perspektive“ kein Problem!
Location: In der Nähe von Athen
Dafür kann man den Hintergrund mit Hilfe großer Blenden effektiv aus dem Bild drängen – auch dann, wenn kein sehr großer Abstand zwischen Modell und Hintergrund besteht.

Auch bei Familienfeiern oder anderen Festivitäten bewähren sich längere Brennweiten für Porträts, weil man aus größerer Entfernung Aufnahmen machen kann und weil es möglich ist, durch den engen Bildwinkel Personen aus Gruppen herauszulösen.

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Dank einer Brennweite von rund 240 mm [@KB] kommt die Baumreihe am Horizont gut ins Bild, während der nicht so attraktive Vordergrund aus dem Format gedrängt wird.
Location: Ein paar Kilometer vor dem Mount Kenya.
Wenn es um Landschaftsaufnahmen geht, ist man geneigt, zunächst zum Weitwinkel zu greifen, um alles ins Bild zu holen, was sich vor der Kamera erstreckt. Das ist auch nicht falsch, aber wenn sehr viel Landschaft ins Format gepresst wird, fallen die Details klein und oft werden aus den schönen Bergen am Horizont im Bild kleine „Mausezähnchen“. Ein Objektiv mit langer Brennweite schafft Abhilfe. Durch den engen Bildwinkel wird der nahe Vordergrund eliminiert, was aber durchaus positiv sein kann, wenn er leer und langweilig ist.

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200 mm Brennweite [@KB] sorgen dafür, dass auch der Leuchtturm, zu dem es noch ein ganzes Stück zu laufen war, schon groß ins Bild kommt.
Location: In der Nähe des Museumsdorfes Marken bei Amsterdam.
Bei der Landschaftsfotografie kommt die raffende Perspektive der langen Brennweiten gut zum Tragen. Teile der Landschaft – Busch- und Baumgruppen in einer Ebene, Hügel, oder Bergketten -, die sehr weit voneinander getrennt sind, rücken im Bild eng zusammen. Das führt dazu, dass der Charakter einer Landschaft betont werden kann. Aber nicht nur Teile der Landschaft werden „komprimiert“, auch die Luftmasse über der Landschaft.

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Der Dunst lässt den Hintergrund verschwimmen, was zur Tiefenwirkung der Aufnahme beiträgt. Brennweite: 300 mm [@KB]
Location: Insel Rügen bei Sellin
An warmen und heißen Tagen ist sie in ständiger Bewegung, dazu kommen Dunst und feinste Teilchen in der Luft, was alles zusammen zu einem unscharfen Eindruck führen kann, der aber nicht der Abbildungsleistung des Objektivs anzulasten ist. Neben diesem eher negativen gibt es auch einen positiven Effekt, der auf die Luftmasse zurückzuführen ist: das charakteristische Verblauen in der Ferne, das bei Sonnenauf- und –untergang durch einen warmen Farbton ersetzt werden kann. Damit geht einher, dass die Motivteile in der Ferne mehr und mehr verschwimmen und unscharf werden. Besonders in Hügellandschaften oder im Gebirge wird dadurch die Tiefe deutlich gemacht, während die „Teleperspektive“ die einzelnen Strukturen ja zusammen rücken lässt. Und natürlich lassen sich auch bei Landschaftsaufnahmen mit einer langen Brennweite Details aus dem großen Ganzen isolieren.

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Mit einer Brennweite von rund 450 mm [@KB] kommt die Sonne dicht über dem Horizont schon recht groß ins Bild – aber für die riesigen Feuerbälle, die man oft in Naturfilmen sieht, braucht man 600 mm und mehr.
Location: Ostfriesland, Blick von Neuharlingersiel auf Spiekeroog (wenn meine Erinnerung nicht trügt)
Zur Landschaftsfotografie gehören auch Sonne und Mond, besonders wenn sie früh und abends nah über dem Horizont stehen. Weitwinkel bringen die beiden nur sehr klein ins Bild. Um einen beeindruckenden Sonnenuntergang aufzunehmen oder einen mächtigen Mond über einer dunklen Landschaft benötigt man Telebrennweiten von etwa 400 mm [@KB] und mehr.

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Mit 2oo mm Brennweite [@KB] sind auch „Nahaufnahmen“ möglich, für die man nicht wirklich nah ans Motiv herangehen muss.
Location: Der Redaktionsgarten in Hammelburg.
 Je nachdem, welcher maximale Abbildungsmaßstab erreicht wird, kann man die langen Brennweiten auch nutzen, um kleine Dinge aus größerer Entfernung ins Bild zu holen. Das ersetzt zwar kein Makroobjektiv, aber ordentliche Nahaufnahmen sind auf jeden Fall möglich. Auch hier sind schmale Schärfenzone und enger Bildwinkel gute Hilfsmittel, um sich auf das Wesentliche zu beschränken.

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Die Brennweite von ca. 200 mm [@KB] genügt, um die Häuser jenseits des Duoro enger zusammenrücken zu lassen, als sie es in Wirklichkeit sind.
Location: Porto
Und noch ein viertes Einsatzgebiet der langen Brennweiten jenseits von Tier- und Sportfotografie gilt es zu erwähnen: Das Fotografieren in einer städtischen Umgebung. Von einem erhöhten Standort aus kann man, wie in der Landschaftsfotografie, die Teleperspektive für eine verdichtende Wirkung nutzen.

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Es herrschte zwar Gewimmel auf dem Markusplatz, aber sooo eng, wie die Aufnahme mit rund 220 mm Brennweite [@KB] und der entsprechenden „raffenden Perspektive“ suggeriert, war es denn doch nicht.
Location Venedig, Standort auf einem noch nicht wieder abgebauten Hochwassersteg.
Sie lässt sich auch einsetzen, wenn sich um eine Sehenswürdigkeit herum viele Touristen tummeln. Man kann natürlich versuchen, sie in den Hintergrund zu drängen, indem man sie durch lange Verschlusszeiten zu Schemen werden lässt, aber dafür sind ein Stativ und gegebenenfalls ein Graufilter nötig. Man kann aber auch eine lange Brennweite nutzen und die vielen Menschen zu einer kompakten Masse werden lassen und sie damit zum Motiv machen.

Hinzu kommt, dass man bei Architekturaufnahmen versuchen kann – hier kommt es darauf an, ob Platz genug ist – lange Brennweiten aus großem Abstand einzusetzen und damit stürzende Linien zu vermeiden.

 

Text und alle Bilder (c) Herbert Kaspar

 

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