Eine kostenlose Open-Source-Programmfamilie will Adobe Konkurrenz machen. Die Anwendungen sind verfügbar, doch ob sie Photoshop und Lightroom ersetzen können, muss sich erst noch zeigen. Unser Leser Ray Binnenbruck hat sich das Projekt angeschaut und sich Gedanken gemacht.
Wer mit Photoshop und Lightroom arbeitet, kennt das Problem: Die Programme bieten viele Möglichkeiten, sind aber an ein kostenpflichtiges Abonnement gebunden. Mit den Craft Apps stellt das ArtCraft-Projekt kostenlose Alternativen vor.
Hinter dem Projekt steht Entwickler Brandon Thomas. Die Anwendungen werden in Rust programmiert, ihr Quellcode ist öffentlich zugänglich. Die Entwicklung wird unter anderem mithilfe von KI unterstützt. Die Programme sind kostenlos und als Open Source verfügbar.
Inzwischen 13 Anwendungen
Ursprünglich umfasste die Programmfamilie sieben Anwendungen, inzwischen sind es laut offizieller Website 13. Dazu gehören PhotoCraft als Bildbearbeitung, LightCraft für Bildverwaltung und RAW-Entwicklung, VectorCraft für Vektorgrafik, FilmCraft für Videoschnitt, EffectCraft für Effekte und Animationen sowie DesignCraft für Layout und Publikation. Hinzu kommen Programme für PDFs, Textverarbeitung, Präsentationen, Audio, Tabellen und weitere Aufgaben.
Die Anwendungen orientieren sich an bekannten Arbeitsweisen etablierter Programme. Das soll den Einstieg erleichtern. Allerdings befinden sich die Programme auf unterschiedlichen Entwicklungsständen. PhotoCraft und PdfCraft werden beispielsweise als frühe Alpha-Versionen geführt, viele weitere Anwendungen befinden sich noch in Entwicklung.
Die Veröffentlichung des Quellcodes allein sagt noch nichts darüber aus, wie vollständig die Programme sind oder ob sie für den produktiven Einsatz bereits zuverlässig genug arbeiten.
Was kann PhotoCraft?
Für Fotografen ist PhotoCraft besonders interessant. Die Anwendung bietet Ebenen, Masken, Einstellungsebenen, Filter, Texte und weitere Werkzeuge der Bildbearbeitung. Auch das Öffnen und Speichern von Dateien im PSD- und PSB-Format gehört zum Funktionsumfang. Eine Motivauswahl soll direkt auf dem eigenen Rechner erfolgen.
Die Unterstützung von PSD und PSB ist ein wichtiger Ansatz, bedeutet aber nicht automatisch, dass jede komplexe Photoshop-Datei mit sämtlichen Ebenen, Masken und Effekten verlustfrei weiterbearbeitet werden kann. Das muss sich an den eigenen Dateien zeigen.
Auch bei der Verfügbarkeit ist Vorsicht angebracht: Die offizielle Projektseite führt PhotoCraft zwar für Windows, macOS und Linux, weist für die nativen Installationsprogramme aber noch auf die laufende Bereitstellung hin. Wer die Anwendung ausprobieren möchte, sollte deshalb vor dem Download prüfen, welche Version für das eigene Betriebssystem tatsächlich verfügbar ist.
Und was bietet LightCraft?
LightCraft richtet sich an Fotografen, die Bilder verwalten und RAW-Dateien entwickeln möchten. Zu den angekündigten beziehungsweise dokumentierten Funktionen gehören eine nichtdestruktive Bearbeitung, Werkzeuge für Farbe und Tonwerte sowie Masken für Himmel, Motiv und Hintergrund. Auch eine Bildverwaltung mit Alben, Bewertungen und Markierungen ist vorgesehen.
Die Entwickler nennen Unterstützung für verschiedene RAW-Formate, darunter CR2, ARW, NEF, RAF, RW2, PEF und ORF. Die Liste soll erweitert werden. Ob eine bestimmte Kamera unterstützt wird und wie gut ihre RAW-Dateien verarbeitet werden, sollte man vor einem Umstieg überprüfen.
Für einen Lightroom-Ersatz reicht es nicht, einzelne Bilder entwickeln zu können. Entscheidend sind ebenso die Qualität der Korrekturen, die Verwaltung umfangreicher Bildbestände, die Geschwindigkeit im Alltag und die Übernahme vorhandener Kataloge.
LightCraft ist deshalb ein Projekt, das man beobachten und ausprobieren kann. Als uneingeschränkt produktionsreife Alternative zu Lightroom lässt es sich derzeit jedoch nicht einordnen.
Kostenlos – aber auch die KI?
Die Craft Apps wie PhotoCraft und LightCraft werden kostenlos angeboten. Davon zu unterscheiden ist das ursprüngliche ArtCraft-Angebot für KI-gestützte Bild- und Videogenerierung. Hier gibt es kostenpflichtige Credit-Pakete.
| Tarif | Regulärer Preis pro Monat | Preis mit 20 % Rabatt | Credits pro Monat |
| Basic | 10 US-Dollar | 8 US-Dollar | 1.000 |
| Pro | 35 US-Dollar | 28 US-Dollar | 3.750 |
| Max | 60 US-Dollar | 48 US-Dollar | 6.600 |
Wichtig: Die ermäßigten Monatsbeträge gelten laut Preisseite bei jährlicher Abrechnung. Die tatsächliche Zahl der erzeugbaren Bilder oder Videosekunden hängt vom verwendeten KI-Modell und den gewählten Einstellungen ab.
ArtCraft lässt sich nach Angaben des Anbieters auch ohne kostenpflichtiges Abonnement nutzen, wenn man eigene Rechenleistung und gegebenenfalls externe Dienste einsetzt. Die Kostenfreiheit der Open-Source-Programme ist also nicht mit unbegrenzt kostenloser KI-Bild- oder Videogenerierung gleichzusetzen.
Marketing und Adobe: Was ist dran?
ArtCraft wirbt mit vertrauten Bedienkonzepten und einem großen Funktionsumfang. Solche Versprechen sollte man angesichts der frühen Entwicklungsstände mit Vorsicht betrachten. Vorhandene Werkzeuge sind noch kein Beleg dafür, dass die Programme in allen wichtigen Arbeitsabläufen mit etablierten Anwendungen mithalten können.
Auch die in sozialen Medien geäußerte Vermutung, Adobe stecke selbst hinter ArtCraft, ist nicht belegt. Ein Zusammenhang mit Adobe ist nicht nachgewiesen.
Lohnt sich der Umstieg?
Wer ArtCraft ausprobieren möchte, muss dafür sein Adobe-Abonnement nicht kündigen. Sinnvoll ist es, die Anwendungen zunächst parallel zu installieren und mit eigenen, repräsentativen Dateien zu testen. Dabei sollte man nicht nur das Öffnen, sondern auch das Speichern und erneute Öffnen der bearbeiteten Dateien prüfen.
Wer eine bereits etablierte kostenlose Alternative sucht, sollte außerdem Affinity in Betracht ziehen. Die neue Desktop-Version wird inzwischen kostenlos angeboten und vereint Werkzeuge für Bildbearbeitung, Vektorgrafik und Layout. Für die RAW-Entwicklung stehen beispielsweise darktable und RawTherapee zur Verfügung, für die Bildbearbeitung auch GIMP und Krita.
Fazit
ArtCraft ist ein interessantes Open-Source-Projekt, das man im Auge behalten sollte. Die kostenlosen Anwendungen bieten Fotografen einen Ansatzpunkt, um sich von kostenpflichtigen Abonnements unabhängiger zu machen.
Als vollständiger Ersatz für Photoshop und Lightroom sind die Craft Apps nach ihrem derzeitigen Entwicklungsstand aber noch nicht einzustufen. Wer produktiv damit arbeiten möchte, sollte prüfen, ob die jeweils aktuelle Version die eigenen Anforderungen zuverlässig erfüllt. Für Experimente und erste Erfahrungen mit den neuen Programmen spricht dagegen wenig – solange die bewährten Werkzeuge vorerst noch verfügbar bleiben.





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